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ANTIPSYCHOTIKA |
Wie verändern Antipsychotika das Gehirn ? Warum können sie zur Chronifizierung von Psychosen und Schizophrenie führen ?
Wirkmechanismus von Antipsychotika:
Kurzfristig können Antipsychotika, also während eines Schubs, die psychotischen Symptome, die mit einer Überaktivität der Dopaminrezeptoren einhergehen, unterdrücken. Ein längerfristiger Gebrauch von Antipsychotika verändert das Gehirn jedoch so, das Psychosen und Schizophrenie chronisch werden können.
"Sie heilen niemanden, aber in vielen Fällen machen sie eine vorübergehende Psychose zu einem dauerhaften chronischen Problem." Prof. Götzsche
Die FDA, die in den USA für die Zulassung neuer Medikamente zuständig ist, hat den Unterschied zwischen Antipsychotika und Placebos untersucht. Studien zeigten eine durchschnittliche Reduktion der PANSS-Werte (Positive und Negative Syndromskala) um lediglich sechs Punkte unter der Einnahme des Medikaments im Vergleich zu Placebo (2). Dieser Unterschied entspricht ca. 10% und wird nicht einmal als „minimale Verbesserung“ angesehen. Er ist so gering, dass er schwer zu erkennen und klinisch irrelevant ist. Erst ab 20% oder 20 Punkten im PANSS spricht man von einer klinisch „minimalen Verbesserung“. Die Autoren der FDA schlussfolgern:
„Ein hoher und zunehmender Placebo-Effekt und ein abnehmender Behandlungseffekt sind in den Schizophrenie-Studien in Nordamerika von großer Bedeutung." (2)
Zudem sprechen 10–30 % der Schizophreniepatienten nicht auf Antipsychotika an, und weitere 50–60 % zeigen nur eine teilweise Reaktion ( Kane et al., 2019 ). D.h. nur 17% der Patienten erfahren eine klinisch relevante Verbesserung von 20% oder mehr gegenüber einem Placebo. (1)
"Aber was bedeutet dies nun für die Mehrheit der Patienten, wenn alle in der gleichen Weise behandelt werden? Wenn weniger als 17% eine nur minimale klinisch bedeutsame Wirkung gegenüber einem Scheinmedikament erleben, werden viele ohne Nutzen mit Substanzen behandelt, an denen sie subjektiv oft erheblich leiden, die sie oft erheblich körperlich schädigen, oftmals irreversibel.
Fast regelhaft kommt es bei der unzureichenden Wirksamkeit zu weiteren Dosissteigerungen ohne klinischen Vorteil, jedoch oft mit zunehmenden Nebenwirkungen ... Die psychischen Funktionen der so Behandelten, die erforderlich sind für ihren Genesungsprozess, werden durch Fehl- oder Überdosierungen weiter geschwächt." (4)
Hinzu kommt, dass die Ergebnisse aus Studien mit Antipsychotika-vorbehandelten Patienten stammen. Das Antipsychotika bei unbehandelten Patienten in einer Erst- oder Zweitpsychose eine relevante Wirkung haben, ist nicht bewiesen:
"Obwohl sie seit über 60 Jahren auf dem Markt sind, stellt sich die Frage nach ihrer tatsächlichen Wirkung immer noch, da die placebokontrollierten Studien, die zur Marktzulassung von Antipsychotika führten, verzerrt sind. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: fehlende Verblindung und Entzugserscheinungen ...
Wir fanden keine zuverlässigen placebokontrollierten Studien mit behandlungsnaiven Patienten mit Psychose oder Schizophrenie. Wir stimmen daher mit den Autoren eines früheren Cochrane-Reviews überein, dass die Wirkung von Antipsychotika bei diesen Erkrankungen nicht dokumentiert ist ...
Wir sind der Ansicht, dass der Einsatz von Antipsychotika bei Patienten mit Psychosen oder schizophrenen Erkrankungen, insbesondere nicht als Langzeitbehandlung, nicht gerechtfertigt ist. Patienten sollten nicht zwangsweise mit Antipsychotika behandelt werden, da sich nicht argumentieren lässt, dass dies im eigenen Interesse des Patienten liege.
Der Einsatz von Antipsychotika lässt sich auf Grundlage der aktuellen Evidenz nicht rechtfertigen. Entzugseffekte in den Placebogruppen machen bestehende placebokontrollierte Studien unzulässig." (3)
Und die geringe Besserung von 10% (bzw. 20% und mehr für 17%) gilt nur für die Dauer einer Psychose von durchschnittlich 1-3 Monaten. Ist die Psychose nach der Zeit angeklungen, überwiegen verständlicher Weise die Nachteile, also die Nebenwirkungen von Antipsychotika und man fühlt sich ohne Medikamente besser. (3)
"Die wissenschaftlichen Erkenntnisse legen nahe, dass die Wirkung von Antipsychotika bei akuter Psychose so schwach ist, dass die Medikamente ihrem Namen kaum gerecht werden." (6)
Dr. Peter Breggin ist ein amerikanischer Psychiater und Kritiker psychiatrischen Medikation. In seinen Büchern plädiert er dafür, den Einsatz von Medikamenten in der Psychiatrie durch Psychotherapie, Bildung, Empathie, Liebe und umfassendere menschliche Dienste zu ersetzen. In seinem Buch, Brain-Disabling Treatments in Psychiatry , berichtet er über seine Erfahrung mit der so genannten "medikamentösen Verzauberung" , d.h. dass es den Patienten nach der Behandlung mit Antipsychotika schlechter geht, dies aber nicht erkennen können.
Prof. Peter Götzsche kommt zu dem Ergebnis: "Research suggests we shouldn’t be using Antipsychotics" , da sie zur Chronifizierung von Psychosen und Schizophrenie beitragen, wie es auch Langzeitstudien zeigen. (5) Hier nun ein Bericht, was genau im Gehirn passiert.
Der folgende gekürzte Text stammt aus den Zusatzinformationen zur S3-Leitlinie Schizophrenie und wurde von den Psychiatern Dr. Aderhold und Dr. Weinmann verfasst:
"Neuere bildgebende Verfahren lieferten Daten, die bei Menschen mit psychotischen Symptomen eine Überaktivität des Dopaminsystems zeigen. Dies entspricht dem Erklärungsmodell, dass „Schizophrenie“ mit einer Hyperaktivität der Übertragung von Dopamin an Rezeptoren verbunden ist. Darüber hinaus deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass diese dopaminerge Überaktivität episodischer (vorübergehender) Natur ist, also nur während einer psychotischen Episode besteht und nur einige Aspekte der Positivsymptomatik ausmacht.
Zugleich sind diese Veränderungen nur mit Positiv-, jedoch kaum mit Negativ- und nicht mit kognitiven Symptomen verbunden.
Und es gibt auch eine Patientengruppe (ca. 30%) mit psychotischen Symptomen, bei der diese Überaktivität gering oder gar nicht nachweisbar ist (also gar nicht existiert, aber trotzdem Antipsychotika mit Nebenwirkungen bekommen). Im Rahmen dieser Logik können sie daher auch nur gering oder sogar gar nicht auf die Antipsychotika ansprechen.
Da solche Veränderungen an den Rezeptoren nicht nur genetisch sondern in vielfältiger Weise epigenetisch, also durch Umweltfaktoren bedingt sind, die diese genetischen Faktoren erst krankheitsrelevant werden lassen, ist mittlerweile hinlänglich belegt. ( Die Behauptung, dass Schizophrenie eine genetisch bedingtes Ungleichgewicht an Botenstoffen ist, welches ein Leben lang mit Medikamenten korrigiert werden muss, ist also falsch).
Antipsychotika sind hingegen Substanzen, die den Dopaminrezeptor nur hinter der Synapse hemmen und damit diese Anormalität nicht gezielt rückgängig machen können, sondern nur auf die Folgen einwirken. Leider führen sie dadurch auch oft zu einer Zunahme dieser blockierten Dopaminrezeptoren, denn eine vermehrte Anzahl ist bei unbehandelten Patienten mit erster Episode nicht, jedoch häufig später nach Behandlungen mit Antipsychotika nachzuweisen. Innerhalb von Wochen bis Monaten entsteht eine Vermehrung von D2-Rezeptoren um durchschnittlich 34% (teilweise um 100%).
Hinzu kommt eine dosisabhängige Super-Sensibilisierung der Dopamin-Rezeptoren als Anpassung an den Eingriff durch Antipsychotika. Dadurch entsteht an diesen Rezeptoren eine erhöhte Empfindlichkeit für Dopamin. Zu den Reaktionen des Gehirns auf die Rezeptor-Blockade gehört auch eine zusätzliche Erhöhung der Dopamin-Bildung und -Ausschüttung. Diese Veränderungen sind neuroplastischer Natur, d.h., sie können sich zurückbilden, wenn weniger oder gar keine Medikamente mehr eingenommen werden. Das benötigt jedoch Wochen bis Monate."
Diese drei Rezeptor-Veränderungen führen zu: (Quelle) (7)
❚ einem teilweisen Wirkverlust der Antipsychotika, d.h. vermehrtem Auftreten von psychotischen (Rest-)Symptomen im Behandlungsverlauf. In diesen Fällen können die Rezeptor-Veränderungen trotz Dosis-Erhöhung mithilfe der postsynaptischen Dopamin-Rezeptor-Blockade nicht mehr vollständig ausgeglichen bzw. die Symptome unterdrückt werden. Dies kann bereits nach einigen Monaten bis zu Jahren auftreten und betrifft ca. 30–40% der Betroffenen. (7)
❚ Dosis-Steigerungen im Verlauf der Behandlung, die sinnvoll ausgleichend, jedoch oftmals auch unangemessen sind („overshooting“) mit stärkeren Nebenwirkungen als Folge.
❚ kurzfristigem Aufflackern psychotischer Symptome mit einem bis zu dreifach erhöhten Rückfallrisiko nach plötzlichem Absetzen sowie ausgeprägteren Symptomen bei Rückfällen (Wahn, Wahrnehmungsstörungen) und einem erhöhten Risiko von Wiedererkrankungen („Vulnerabilität“);
❚ schweren, anhaltenden Bewegungsstörungen (tardive Dyskinesien) bei Patienten mit der stärksten Rezeptor-Vermehrung
❚ bei ca. 30–40% zu sogenannten Durchbruchspsychosen, die durch die Antipsychotika selbst verursacht werden („Supersensitivitätspsychosen“).
Nicht sicher ist, ob diese negativen Hirnveränderungen bei jedem Behandelten und bei jeder Substanz gleich auftreten. Auch ist nicht sicher, wie lange sie nach dem Absetzen noch anhalten. Man geht aufgrund tierexperimenteller Daten von mehr als einem Jahr beim Menschen aus, bis hin zu mehreren Jahren und potentiell auch von Irreversibilität.
Damit besteht beim Absetzen von Antipsychotika eine erhöhte Rezeptorverfügbarkeit, und diese Supersensitivität kann Absetzphänomene (Absetzpsychosen) und ein erhöhtes Rückfallrisiko bedingen. Diese Phänomene sind in der Methodik der bisherigen Medikamentenstudien nur unzureichend berücksichtigt, so dass viele Studien zur Wirksamkeit von Antipsychotika verfälscht sind.
Des Weiteren konnte durch bildgebende Verfahren gezeigt werden, dass ein Defizit von Dopamin an der Entstehung kognitiver Symptome von Patienten mit Schizophrenie beteiligt ist. Da Antipsychotika auch auf andere Region einwirken, also nicht selektiv sind, können sie damit auch zu einer Verschlechterung von Negativ- und kognitiven Symptomen führen.
Und weil Antipsychotika Fremdmoleküle sind, die auch noch ganz andere Rezeptorgruppen blockieren können, kommt es zu den weiteren bekannten Nebenwirkungen." (Aderhold/Weinmann) (Quelle)
Prof. Götzsche, Arzt und Begutachter klinischer Studien über Antipsychotika: Dauer 2 min:
"Es gibt viele Untersuchungen zu den Schäden von Antipsychotika. Wir wissen so viel über diese Medikamente, dass wir sie meiner Meinung nach eigentlich nicht verwenden sollten. Ich denke, dass wir ohne Antipsychotika gut auskommen können. Sie heilen niemanden, aber in vielen Fällen machen sie eine vorübergehende Psychose zu einem dauerhaften chronischen Problem.
Wenn man sie über einen längeren Zeitraum einnimmt, kann man eine Durchbruchspsychose, eine Supersensibilitätspsychose, bekommen, so dass man tatsächlich eine Psychose aufgrund des Medikaments entwickelt, das man einnimmt und das eigentlich gegen die Psychose wirken sollte." Prof. Peter Götzsche
Hat Prof. Goetzsche Recht? Was sagen Langzeitstudien?
Zitat: "Die 20-Jahres-Daten zeigen, dass antipsychotische Medikamente nach den ersten Jahren die Häufigkeit von Psychosen bei Schizophrenie nicht eliminieren oder verringern oder die Schwere einer postakuten Psychose verringern. SZ-Patienten, die über längere Zeit keine Antipsychotika einnehmen, haben bessere interne Ressourcen, die mit größerer Belastbarkeit einhergehen. Sie haben bessere Prognosefaktoren, bessere prämorbide Entwicklungsleistungen, weniger Anfälligkeit für Angst, bessere neurokognitive Fähigkeiten, weniger Anfälligkeit für Psychosen und erleben mehr Phasen der Genesung." (Quelle) (5)
Zusammenfassend lässt sich also sagen:
- Antipsychotika blockieren Dopaminrezeptoren und können so einige, jedoch nicht alle positiven Symptome (Wahn, Halluzinationen) lindern. Und dies auch nicht bei jedem Patienten. 30% der Patienten sprechen nicht auf Antipsychotika an und weitere 50–60 % zeigen nur eine teilweise Reaktion ( Kane et al., 2019 ). Nur 17% der Patienten spüren eine klinisch relevante Verbesserung von mehr als 20% gegenüber einem Placebo. (1)
- Da Antipsychotika nicht selektiv sind und auch andere Gehirnregionen blockieren, können sie damit zu einer Verschlechterung von Negativ- und kognitiven Symptomen und Depressionen führen.
- Psychosen sind vorübergehender Natur (1-3 Monate). Eine längere Einnahme von Antipsychotika führt aufgrund von Nebenwirkungen und typischen Folgeerkrankungen zu einer Verschlechterung der Gesamtsymptome.
- Eine Behandlung mit Antipsychotika, also eine Blockade führt dazu, dass sich das Gehirn darauf einstellt. Denn Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff, der auch zum Denken, Fühlen und zur Bewegung gebraucht wird. Werden die Rezeptoren blockiert, wird nun mehr Dopamin produziert, es entstehen mehr und hochsensible Dopaminrezeptoren. Mit der Folge:
- eines teilweisen Wirkverlust der Antipsychotika, d.h. vermehrtem Auftreten von psychotischen Restsymptomen die nicht mehr vollständig ausgeglichen bzw. die Symptome durch Antipsychotika unterdrückt werden. Dies kann bereits nach einigen Monaten bis zu Jahren auftreten und betrifft ca. 30–40% der Betroffenen was Dosis-Steigerungen im Verlauf der Behandlung zu Folge haben kann, mit stärkeren Nebenwirkungen.
- kurzfristigem Aufflackern psychotischer Symptome und einem bis zu dreifach erhöhten Rückfallrisiko und Wiedererkrankungen („Vulnerabilität“) nach plötzlichem Absetzen sowie ausgeprägteren Symptomen bei Rückfällen.
Die Gefahr einer sogenannten "Supersensibilitätspsychose" steigt. Auch "Durchbruchspsychose" genannt, also eine Psychose trotz Antipsychotika und von diesen verursacht. So kann man z.B. über Clozapin bei Wiki lesen:
"Beim Absetzen von Clozapin kann es zu so genannten Absetzpsychosen kommen, die vom klinischen Bild her gravierender als die ursprünglich behandelte Psychose sein können. Diese Reaktionen treten besonders nach lang andauernder, hochdosierter Einnahme auf und werden im Allgemeinen als „Hypersensibilisierungsreaktionen“ interpretiert. Im Extremfall kann dadurch ein Absetzen des Präparats vollkommen scheitern." (Wikipedia)
- Diese Veränderungen können mehr als ein Jahr, bis hin zu mehreren Jahren und potentiell auch irreversibel sein.
- Langzeitstudien zeigen, das antipsychotische Medikamente die Häufigkeit von Psychosen bei Schizophrenie erhöhen. Schizophrenie-Patienten, die hingegen keine Antipsychotika einnehmen, haben bessere interne Ressourcen, die mit größerer Belastbarkeit einhergehen. Sie haben eine geringere Anfälligkeit für Angst, bessere kognitive Fähigkeiten, weniger Anfälligkeit für Psychosen und erleben mehr Phasen der Genesung.
- Antipsychotika verändern das Gehirn so, das Psychosen wahrscheinlicher werden und Schizophrenie chronisch.
Studien und Quellen:
(1) Leucht, S. Arbter D, Engel RR, Kissling W, Davis JM (2009) How effective are second-generation antipsychotic drugs? Molecular Psychiatry 14: 429-47
Volltext frei: https://www.nature.com/articles/4002136.pdf
(2) Khin Ni A et al (2012) Exploratory Analyses of Efficacy Data From Schizophrenia Trials in Support of New Drug Applications Submitted to US Food and Drug Administration, J Clin Psychiatry 73(6): 856‑864
Abstract: https://www.psychiatrist.com/J…2012/v73n06/v73n0620.aspx
(3) Danborg & Gøtzsche (2019) Benefits and harms of antipsychotic drugs in drug-naive patients with psychosis: A systematic review. International Journal of Risk & Safety in Medicine 30(4):193‑20
Volltext frei: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/p…is%3A+A+systematic+review.
(4) Zusatzinformationen zur S3-Leitlinie Schizophrenie, Von Dr. Volkmar Aderhold und Dr. Dr. Stefan Weinmann
(5) Do all schizophrenia patients need antipsychotic treatment continuously throughout their lifetime? A 20-year longitudinal study. M Harrow 1, T H Jobe, R N Faull, 2012
(6) JOURNAL OF THE NORWEGIAN MEDICAL ASSOCIATION, https://tidsskriftet-no.translate.goog/nn/2025/03/kro…&_x_tr_pto=wapp
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