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Hick-up und tl;dr Ein junges Team, mehr als Call-Center Agenten, bekommt die Möglichkeit sich reinzuziehen, wie es (weltbekannt) Vertraulichkeit und Zusammenarbeit prägten, das ist ca. 10 Jahre her. Der Text kommt gemischt mit Szenen aus einem Psychiatrie-Seminar, was für eine geile Idee.
Ich habe eine schöne Textstelle um zu beginnen Ihnen von meinem Roman zur Autobiografie "Ich mag mich irren", "Das Märchen vom Weltpolizisten", zu erzählen.
Eine von hundert Personen wird nach verbreiteten, und offenbar belastbaren Statistiken (es gibt sie wirklich in jedem Überblickartikel zu Schizophrenie), mindestens einmal im Leben psychotisch. Das heißt, nicht jeder kennt einen Psychotiker, aber es ist wahrscheinlich, dass man mal von jemandem im Umfeld hört, der die Welt eben so erlebt. Man kann sich einmal fragen, ob das dem Weltbild der nicht psychisch krank durchs Leben kommenden hilft. Also, zumindest einen Psychotiker, über den man sich erzählen kann, muss es nach dieser Theorie geben. Ich mag mich bei der Notwendigkeit von Psychosen in der Welt aber auch einfach irren.
Im Übrigen ist es schwer zu sagen, ob ich unter Umständen doch auf die Rolle verzichtet hätte.
Ich mag mich irren
„.. und deshalb wäre es mir so wichtig, wenn Sie mir .. bff, jetzt bin ich schon wieder so durcheinander .. das ist alles mit so vielen verschiedenen Emotionen verbunden, je nachdem, wovon ich erzähle. Und jetzt habe ich schon so viel erzählt. Aber ich denke, das ein oder andere können Sie nachvollziehen.“
„Ein schönes Schlusswort. Danke. – Wir sehen uns nächste Woche wieder und in zwei Wochen dann wieder mit Herrn Longolius.“
Ich sah Professor Heise an und erhielt ein Nicken, als sei halt nicht mehr drin gewesen.
Während die Studenten am Ausgang einen kleinen Stau bewältigten, war ich wieder einmal glücklich. Meine Idee, bei der mich Heise von Anfang an unterstützt hatte, wie ein Auslandskorrespondent im Journalistikunterricht, ein Weitgereister für Landeskundler, Spitzenphysiker für angehende Wissenschaftler, als Psychotiker in einem Psychiatrieseminar von meinen Erfahrungen zu erzählen, war ein guter Schritt. Ich fühlte mich auch heute wieder nicht sofort bemitleidet, krank oder vorgeführt.
Doch ein Ziel, die Zuhörer davon zu überzeugen, dass die Sinne und das Gehirn selbst, nicht immer der alleinige Gesprächspartner des Gehirns sind, blieb wieder unerreicht. So unerreicht, dass man den Weg vernünftigerweise zum alleinigen Ziel der Reise erklären sollte.
Gerade ist die erste Veranstaltung zu Ende gegangen.
Es ging zunächst um ein Kennenlernen und ich war bemüht, einen guten Eindruck zu machen. Es ging aber auch gleich zur Sache. Meine Reflexionen zum Graubereich zwischen kranker Psychose und Metaphysik führten zu einem Durcheinander. Und wenn ich dann anfange von einem Graubereich zu sprechen, der eigentlich nicht in der Mitte, sondern an der Spitze liegt, einer grauen Spitze aus Psychose und Metaphysik, dann kann ich mir zwar selbst noch folgen, falle aber manchmal von der grauen Spitze in ein schwarzes Loch.
Lichtblick im schwarzen Loch, das war ein Senior-Student aus dem rechten Mittelfeld der Zuhörer. Der nutzte die peinliche Stille jedoch zunächst, um seine straighte Religiosität unter Beweis zu stellen.
Ich habe davon behalten: „Die Religion weist uns den Weg aus der Dunkelheit. Als wir nach dem Krieg nichts zu essen hatten, haben wir immer zu Gott gebeten. Und manchmal gab es etwas zu essen.“
Ich war wahrscheinlich kein guter Zuhörer. Vielleicht sagte er auch, er habe 'zu Gott gebetet'. Gebeten, Gebetet. Ich bitte um Nachsicht. Doch, wie auch immer, fand ich seine Quintessenz richtig gut. Er sagte, und er sagte wirklich 'Herr Longolius':
Zitat von dort ist tatsächlich eine literarische Figur (Für Experten)Er sagte, und er sagte wirklich 'Herr Longolius':
„Herr Longolius, wir hatten damals ja keine Ahnung, ob unsre Gebete erhört wurden. Aber ich würde es wieder tun. Bin ja nicht blöd. Irgendwie haben wir es damals jedenfalls geschafft.“
Heise hatte meinen Auftritt zuvor mit dankenswerten Worten eingeleitet. „Unser Gast schrieb mir vor einigen Monaten einen Brief mit der Bitte, sich der Forschung zur Verfügung stellen zu dürfen. Bei ihm sei vor einigen Jahren eine chronische Schizophrenie diagnostiziert worden, doch er halte sich insgesamt für psychotisch gesund, nicht krankhaft psychotisch. Er habe sich zwar im Sinne einer Psychose phasenweise geirrt. Er wolle aber dafür kämpfen, dass psychotisches Erleben als Erkenntnisprozess stärker gewürdigt wird. Und außerdem wolle er die Metaphysik nicht den Religionen überlassen.“
Dann richtete er sich direkter an die Studenten: „Wenn alles so klappt, wie wir uns das vorstellen, dann werden viele von Ihnen in wenigen Jahren praktizierende Psychiater sein. Es könnte sein, dass vor Ihnen dann jemand wie Herr Longolius sitzt. Und der echte steht uns jetzt hier zur Verfügung. Seine Krankheit reflektiert er außergewöhnlich stark und konsistent. Deshalb, denke ich, werden Sie ein paar Einblicke gewinnen können, die Ihnen in Ihrer späteren Praxis helfen werden.“
Es war das Jahr 2014, ich war 35 Jahre alt und stand vor rund 25 Studenten, um ihnen etwas über Psychosen zu erzählen, mit denen ich mich nun wirklich gut auskannte. Ich leitete meinen Vortrag ein:
„Mein Thema: Alternative Antworten auf das Rätsel Schizophrenie, die keine Angst machen. Also Alternativen zur einfachen Krankheitsdefinition – aber bitte eben keine Strahlenkanonen, Geheimdienste, böse Mächte oder alles zusammen.
Ich will versuchen Sie abzuholen, wo Sie gerade sind. Vor Ihnen stehe ich, ein Schizophrener, der das Wort hässlich findet, aber damit arbeiten wird, was es bedeutet: Es ist ein Oberbegriff für Leute, die sich phasenweise extrem irren, und bei denen man dieses Irren auf eine Krankheit zurückführt. Heutzutage würde man sagen, es handelt sich um eine Stoffwechselstörung. Eine Stoffwechselstörung der für das Denken zuständigen Botenstoffe im Gehirn. Die Pillen dagegen wandern zwar erst mal in den Bauch, aber wie Sie wissen, hängt das alles irgendwie miteinander zusammen.
Eine Denkkrankheit, oder damit es alle gehört haben: Eine Krankheit des Denkens. Jetzt kenne ich aus eigener Erfahrung verschiedene Stufen des Irrens. Die höchste Stufe bildet hierbei der Wahn. Unter Wahn versteht man einen Zustand, in dem der Betroffene sich so sehr irrt, dass es für ihn mehr Sinn ergibt, sich weiter zu irren, als seine Annahmen der Situation zu hinterfragen. Der Wahn wird, vereinfacht gesprochen, noch von Sinnestäuschungen gekrönt. Vielleicht sind sie die Ursache für den Wahn, vielleicht sind sie auch nur Beiwerk.
Aber stellen wir uns ein Gehirn im Wahn vor. Gehen wir einmal davon aus, dass ein Gedanke ein Zustand des Gehirns ist, bei dem verschiedene Hirnareale erregt sind und im Zusammenspiel Bewusstsein und Unbewusstes erzeugen.
Die Frage muss bleiben, wo das Bewusstsein aufhört und das Unbewusste anfängt, und ich will hier auch vernachlässigen, ob das Unbewusste zum Denken gehört. Ich finde das Unbewusste hat hier in dem Seminar sowieso nichts zu suchen und hoffe, Sie hören mir alle gut zu.
Neben dem Wort Schizophrenie mag ich noch ein anderes nicht und das heißt Dopamin. Das liegt daran, dass die Wissenschaft das Dopamin für sehr wichtig hält beim Denken, und ich mich so ungern auf einen Botenstoff reduzieren lasse. Aber auch hiermit kann nicht nur die Pharmaindustrie gut arbeiten.
Nehmen wir also an, das Bewusstsein wird durch das Zusammenspiel verschiedener Hirnareale erzeugt, und ein wichtiges Medium dieses Zusammenspiels ist zum Beispiel ein Botenstoff namens Dopamin.
Wird ein Gedanke gebraucht, schicken alle Hirnareale, die das für nötig erachten, unter anderem eine bestimmte Menge Dopamin los. Die Areale sind aktiviert und aktivieren sich gegenseitig. Es kommt zu dem Gedanken.
Was im wahnhaften Gehirn nun nicht zu funktionieren scheint, ist, dass sich die kleinen Boten im Gehirn, salopp gesagt, danach wieder um etwas anderes kümmern. Stattdessen ist so viel Dopamin unterwegs, dass die Verbindungen zwischen den Hirnarealen, nach einem, der Krise des Betroffenen entsprechenden Muster, zu Trampelpfaden werden. Irgendwann nimmt der Gedanke dann nur noch diese Wege.
Nach Trampelpfaden kommen etymologisch Straßen und Autobahnen. Aber ich bleibe mal bei Trampelpfaden – vielleicht in einem hübschen grünen Gehirndschungel.
Und dieser Dschungel ist groß.“
Professor Heise warf ein: „Nun ja, so oder so ähnlich stellt sich die Wissenschaft das tatsächlich vor. Erzählen Sie bitte mehr vom Dschungel.“
-
An einem anderen Ort, knapp vier Jahre zuvor, irgendwann Anfang Dezember 2010.
Betty, Mathilda, Ingmar, Sporty, Bart und Basti sahen gut aus im Büro ihres Chefs. Ein Assistent fuhr mehrere Karren Kartons an, während sich die jungen Nachrichtendienstler mit der Coolness, wegen der sie ihren Job hatten, nur ab und zu fragend ansahen.
Sechs Kartons zählte Betty inzwischen.
„Das war's“, gab der Assistent bekannt und schloß die Tür hinter sich, nachdem sich Chef kurz bedankt hatte.
„Ihr seid nicht die Besten. Ihr seid gut, sonst würdet ihr nicht hier arbeiten. .. Die Besten machen bei uns die Drecksarbeit, falls euch das noch nicht aufgefallen ist.“ sagte Chef.
Auf den Kartons lag eine Akte. Chef nahm sie und setzte sich an seinen Schreibtisch, öffnete den Riemen und zog das erste Blatt an sich heran. Er lächelte.
Er blätterte die Seite um und ging den Stapel durch. Blickte von der Akte auf:
„Wir haben hier etwas für euch zu tun. Hört euch zum Beispiel das hier mal an ..“
Er nahm zwei, drei Seiten in Augenschein und fing an, aus einer vorzulesen:
„Zwei mal zwei macht neun, Widdewiddebumm plus vier macht sechse ..“
Bart grunzte auf, ohne den Ernst in Chefs Stimme zu boykottieren.
„Wir denken auch: Es ist Zeit!“
Chef blätterte die Seite um und suchte eine andere, las auch diese vor.
„Seid ihr verrückt geworden? Wir sind es. Auf gute Zusammenarbeit!“
Chef legte die Seite ab. Wählte eine andere aus. Er blickte die Anwesenden über den Rand seiner Brille an. Sah wieder herunter.
„Das erste Schreiben kam von unseren schwedischen Kollegen. Das andere kommt aus Zagreb.“
Er fand wieder eine Seite:
„Hört auf damit!“
Chef blickte nicht auf.
„Das war die NATO.“
Er blätterte weiter. Suchte etwas Bestimmtes.
„Ihr könnt euch vorstellen, dass das normalerweise förmlicher aussieht ..
.. ah, hier ist noch eins. Polen:
Wie wäre es, wenn wir einfach alle mal Urlaub machen. Und einen schönen Knoten in die Läufe unserer Pistolen. Wir veranstalten einen Kongress, öffentlich versteht sich, und arbeiten das mal richtig aus. Anhaltspunkte gibt es doch wirklich dafür. Kann uns jemand ein gutes Shampoo empfehlen. Ach, und danke für den Fisch.“
Betty hatte eine Frage, während Bart nochmal prustete:
„Ähm, Chef. Die Nato duzt, die Schweden zitieren Pippi Langstrumpf, die Kroaten bieten eine gute Zusammenarbeit an und die Polen haben Per Anhalter durch die Galaxis gelesen? Was ist hier los?“
„Danke Betty. Gut aufgepasst. Ich bin mir nicht sicher, ob die Polen Douglas Adams lesen, aber sie wissen auf jeden Fall, dass wir das lesen.“
Chef überlegte. Setzte nochmal an.
„Wir haben hier ein Problem. Ich will es mal so sagen: Stellt euch vor, jemand hat Gott angezeigt. Und die Polen machen Scherze darüber.“
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Ich setzte wieder an.
„Wir lassen den Gehirndschungel einmal stehen. Was ich jetzt darstellen möchte, ließe sich allerdings in das Bild einbauen. Sozusagen: Unser Unwissen über den Dschungel.
Die Schizophrenie an sich hat klassische Verläufe. Ich will nun aufzeigen, was die Merkmale eines klassischen Psychoseverlaufs sein können und warum.
Klassisches Merkmal einer Schizophrenie ist eine Störung von Denken und Wahrnehmung.
Gedankenlautwerden.
Gedankeneingebung.
Gedankenentzug.
Gedankenausbreitung.
Wahnwahrnehmung.
Kontrollwahn.
Beeinflussungswahn.
Das Gefühl des Gemachten.
Gerade stellte ich großmäulig in Aussicht, Ihnen zu sagen, warum diese Merkmale zur Schizophrenie gehören. Dabei kann ich das gar nicht, zumindest neurologisch. Ich will Ihnen die Antwort dennoch geben. Allerdings mögen Sie gleich den Eindruck bekommen, ich zwänge Ihnen ein ausgeklügeltes Wahnsystem auf.
Denn ich denke, die Neurologie ist nicht der Schlüssel für abschließende Antworten im Bereich der Schizophrenie, sondern die Raumfahrt. Nun bin ich bloß kein Astronaut. Es sei denn, Sie lassen unseren Planeten als Raumschiff gelten.“
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Sporty hatte sich gerade frisch verliebt und fand das gar nicht lustig, auf unbestimmte Zeit in einem Atombunker arbeiten zu müssen, was bei seinem Jobprofil in einem Atombunker leben zu müssen bedeutete. Mathilda fand er ganz süß.
Betty auch.
Alle bauten erst mal ihre Computer auf. Alle, außer Betty, hatten sich zwei Monitore bestellt. Bart war es egal, dass man eigentlich keine Fremdgeräte anschließen durfte und war schon beim Tassenwärmer.
Die Kartons und die anderen Sachen standen jetzt hier, irgendwo tief unter der norddeutschen Erde. Weit von der Zivilisation entfernt, so man annimmt, die vielleicht 150 Kollegen vom Bundesnachrichtendienst aus den anderen Büros, seien etwas anderes.
Irgendwie ging eine Besprechung los. Zwei saßen auf den Tischen, drei auf Stühlen, Basti saß auf dem Boden, an die Wand gelehnt.
Ingmar, 32 Jahre alt, gelernter Taucher, aber seit einem Unfall nicht mehr in der Lage dazu, nicht schlecht im Lügen, aber erfahren im Entscheidungen revidieren:
„Ein gewisser Felix Longolius, nach allem was wir wissen ein Schizophreniker .. wie sagt man das .. Mathilda, du kennst dich doch mit so was aus. Wie sagt man?“
„Schizophrener.“
„Danke. Na gut. Ein Schizophrener zeigt bei 52 Geheimdiensten an, dass er von seinen Stimmen in den Selbstmord getrieben werden sollte. Gegen unbekannt. Und wir werden dafür abgestellt – wie auch immer Chef das verrechnen will – den Typen zu überwachen, weil inzwischen 46 der Vereine über seine gehackte Webseite – weltpolizei.de – Nachrichten untereinander austauschen. Und daraus langsam ein verdammt nochmal so langer Running Gag wird, dass Chefs Chefs befürchten .. was hat Chef gesagt?“
„Dass der Typ nun mal Deutscher ist und seine Aufmerksamkeit den Punkt überschritten hat, an dem es interessant wird.“ half Betty aus.
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Heise unterbrach mich: „Ich denke, worauf Herr Longolius hinaus will, ist, dass wir uns nicht abschließend sicher sein können, ob Psychotiker – oder die Menschen ganz allgemein – Wahrnehmungen haben können, deren Ursprung wir uns noch nicht erklären können. Liege ich hier richtig?“
„Meiner Meinung nach sollten wir uns in unserem Denken mindestens die Möglichkeit offen halten, dass es Dinge gibt, die wir uns nicht erklären können, die aber vollkommen wahr sind.“ sagte ich zunächst. Unterstreichen wollte ich meinen Standpunkt dadurch, Gegenargumente zu widerlegen. Das schien aber reiflich schief zu gehen:
„Es ist mir selbst manchmal rätselhaft, warum ich mir eigentlich so sicher bin, dass eine Stimme ist, wofür ich sie halte. Nämlich die einer anderen Person, vielleicht eines Außerirdischen oder einer Außerirdischen, der oder die mit mir kommuniziert. Und zwar ist es so rätselhaft, weil Schizophrene nicht selten von ihren Stimmen dazu getrieben werden, schlimme Dinge zu tun. Bis hin dazu, im Wahn sich selbst oder andere zu verletzen oder gar zu töten. Und denken Sie nur an den Widerspruch dabei, dass andere Wesen, die so viel mehr wissen dürften als wir, so viele Probleme auf der Erde zulassen. Das sind Dilemmata, das will ich offen zugeben.“
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„Das ist ja eine halbe Wohnungseinrichtung!“
„Guckt mal hier!“ schrie Mathilda. „Iiih!“
Mathilda sichtete das gesammelte digitale Material. „Der Typ“, worauf sie sich als Bezeichnung für ihre Zielperson stillschweigend geeinigt hatten, wurde offenbar schon mehrmals von den Kollegen geknipst. Und Mathilda hatte ein Foto von ihm in einer anzüglichen Situation ausfindig gemacht.
Typ in der Badewanne, vom Fernsehturm aus fotografiert, aber so, dass es sich gewaschen hat.
„Porno“, befand Betty.
„Naja, tut nicht so, als seht ihr so was zum ersten Mal.“ beschwichtigte Ingmar.
Basti betonte die Unwichtigkeit, von irgendeinem Typen in der Wanne vom Fernsehturm aus Bilder zu machen.
Mathilda hielt sich immer noch entsetzt die Hand vor den Mund.
Bart wendete sich wieder der Wohnungseinrichtung zu, doch Sporty musste noch einen Kommentar abgeben:
„Was für ein Schlappschwanz. Wenn ich nicht müsste, wär' der Typ jetzt schon für mich gestorben.“
„Der Typ hat halt keine Freundin.“ gab Bart zu bedenken. „Übrigens hat er ein Buch geschrieben. Seht mal hier ..“ er hielt ein kleines Heftchen, bestenfalls eine Novelle, in der Hand. „Mr. T-Cup und der (große) Abstimmungsapparat lautet der Titel. Mit Typs Namen drauf.“
„Doll!“ quakte Betty.
„Ja, ich guck mir das mal an, d'accord?“
„Mach doch. Klingt nach Weltliteratur. Oh Mann, Leute. Was haben wir falsch gemacht?!“
Ingmar saß schon an einem der anderen Rechner: „Also, Typ hat 2000 die www-Adresse weltpolizei.de auf seinen Namen registriert. Keine Ahnung, aber er hat die immer noch. Sie zeigt aktuell auf die Google-Suche. Die Snapshots sind die ersten Jahre etwas langweilig. Bis 2003 steht da einfach nur 'Sie sind verhaftet'“
„Scherzkeks.“
„Im Frühjahr 2003, also als der Irak-Krieg begann, zeigt die Seite dann ab und zu eine andere Farbe an.“
„Trendsetter.“
„Wie auch immer“, erwiderte Ingmar. „Ende 2003 dann fängt er an was zu veröffentlichen.“
„Zeig' mal her.“ Basti rollt rüber.
„Aha, ein Foto von einem alten Apfel .. ey, das ist ganz witzig .. Die Erde schimmelt. Mit dem nächsten UFO bin ich weg. Haltet die Temperatur schön niedrig, dann wird's vielleicht ein Käse.“
„Das findest du witzig?“ Sporty konnte darüber nicht mal lächeln.
Ihr sechser-Büro schien trotz seiner Miesepetrigkeit ein bisschen in Weihnachtsstimmung zu sein. Bart hatte inzwischen etwa zwei Drittel der größeren Geschenke ausgepackt und auf dem Gabentisch bereitgestellt.
Mathilda inspizierte, was die Kartons für sie bereithielten. Liebesbriefe fanden ihr Interesse. Dann Fotos. Ein kleiner Holzengel, der durch seine Korpulenz bestach, wurde kurz belächelt. Von fünf DSL-Routern wurden zwei von beiden Seiten begutachtet, worauf die restlichen drei ihren Reiz verloren. Ein Briefmarkenalbum war noch dabei.
„Was ist denn das?“ Sie hielt ein bunt verschmiertes rundes Ding in der Hand.
„Ein Globus.“ beriet sie Bart, der das Teil bereits in der Hand hatte. „Mit ausgeschnittenen Kontinenten.“
„Lass mal sehen“, bat Basti pflichtgemäß neugierig. „Das scheint eine Art Schablone zu sein. Typ hat da irgendwas gebastelt.“
„Ich glaube das gehört dazu.“ Bart gab Basti eine Luftpumpe. „Da sind die selben Farben dran.“
Betty stand von ihrem Tisch auf. „Gib mal her. Ich glaube ich hab's. Passt auf. Das ist eine Schablone, um die Erde an die Wand zu malen. Und an die Decke. Du nimmst einen kleinen Ballon – so eine Art Wasserbombe, wisst ihr? Den Ballon steckst du unten durch die Antarktis in die Schablone, füllst Farbe ein und pumpst den dann auf. Irgendwann platzt der Ballon und die Farbe verteilt sich durch die ausgeschnittenen Kontinente an die Wand. Ich glaub' aber nicht, dass das funktioniert hat. Vielleicht deshalb die vielen Farben. Für jeden Versuch eine.“
„Betty!“
„Ja?“
„Du spinnst.“
Sie verzog das Gesicht und verzichtete auf eine Verteidigung. Betty war gerade 35 geworden, hatte einen Sohn, der gerade beim Vater war, und ist früher in der Hochbegabtenklasse für ihr Interesse für Banalitäten aufgefallen. Damals war Helmut Kohl Bundeskanzler, genau wie während ihres Abiturs. Als sie sich bei der Polizei bewarb auch. Betty war politikinteressiert, führte früher im Schauspielkurs ihres Jahrgangs Regie, ließ ihre Darsteller bei Romeo und Julia in Ameisenkostümen auftreten und war auch ansonsten gewaltig kreativ.
Stress war für sie das, weswegen sie meist im Urlaub krank wurde. Genau wie Aufregung ein Mittel zum Zweck.
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„Nun, das sind Fragen, die auch an Fragen der Religiosität erinnern. Aber erzählen Sie uns bitte: Warum glauben Sie doch, dass die Stimmen zumindest teilweise wahr sind?“ Professor Heise glaubte offenbar noch, dass der Gedanke für Studenten der Psychiatrie wertvoll sei.
„Das ist relativ klar beantwortbar: Krankhaft psychotische Menschen hören ihre eigenen Gedanken, als wären es die Stimmen anderer. Diese eigenen Gedanken sind von ihrer Phänomenologie her nicht von Telepathie unterscheidbar. Ich will die Stimmen also gewissermaßen ..“
Ich zögerte, da mir der nächste Gedanke gehörig Kopfzerbrechen bereitete. Jetzt würden die Studenten meine ganze innere Zerbrochenheit auf dem Tablett serviert bekommen.
„.. in Schutz nehmen. .. Doch .. Entschuldigung, vielleicht irre ich mich doch.“ Ich schaute wohl ziemlich verloren in die Runde, an diesem Punkt war ich schon häufig angelangt. „Denn, wenn es die Telepathie gibt, warum mischen sich die Außerirdischen dann nicht ein, wenn ein Schizophrener vom rechten Weg abkommt? Warum haben sie schon oft zugelassen, dass Menschen im Namen ihrer Stimmen töten?“
Es entstand eine Pause. Heise setzte an, die Stille zu durchbrechen. Doch ich gab zu verstehen, dass ich noch nicht verloren war.
„Also, das ist wirklich ein Schlamassel .. zum Verzweifeln. Sie müssen sich vorstellen, dass ich, der ich hier vor Ihnen stehe, einfach nicht verneinen kann, dass ich diese Wahrnehmungen habe, die insgesamt angenehm und richtig zu sein scheinen. Es erscheint Ihnen vielleicht etwas zwanghaft, wenn ich nach Argumenten suche, warum dieses Böse, das ich gerade beschrieben habe, nicht der Kern des Phänomens ist.“
Jetzt guckte ich allerdings hilflos zu Heise hinüber.
„Fahren Sie bitte fort.“
„Ok. Ich wurde mal gefragt, warum die Stimmen uns nicht helfen, Krankheiten wie Ebola zu besiegen. Warum die Stimmen, oder konkret die Außerirdischen, unsere Kinder verrecken lassen. Sie verstehen ja, dass ich mich schon viele Stunden, ja Tage und Wochen, mit den Stimmen unterhalten habe. Und da glaube ich, einen Eindruck von ihrer Haltung gewonnen zu haben. Nun ja, in einem Satz: Dann hätten die Außerirdischen auch den Dinosauriern das Sprechen beibringen können.“
Ich schaute zu Boden.
„Ist das verständlich?“ wollte ich wissen.
„Ich glaube, das müssen Sie uns nochmal näher erklären.“ bat Professor Heise.
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Am zweiten Tag im Bunker war Typ schon ziemlich gut ausgeleuchtet.
Er hatte seine Wohnung verloren und seine Sachen auf die Straße gestellt. Die wurden dann von der Stadtreinigung abgeholt. So kam der Bundesweihnachtsmann zu seinen Gaben.
Chef stellte auf höhere Interessen ab. Da es für alle sechs das erste eigene Projekt war, wurde absolute Kritik vertagt, bis man sich die leisten könnte. Interessanterweise übernahm Sporty die Aufgabe, wenigstens Pflichtzweifel zu äußern. Die galten jedoch weniger der Hinterfotzigkeit gegenüber Typ, als der Frage, warum man Typ nicht einfach aus dem Verkehr zöge.
Die anderen machten sich lieber ihre eigenen Gedanken.
Chef stand noch am Türpfosten, kurz vorm Rausgehen. Wie man am Türpfosten stehen bleibt, um noch kurz Informelles zu klären, kurz die wichtigsten Fragen zu beantworten.
Betty hätte gern gewusst, wie es weitergeht: „Chef, unser Zielobjekt ist unschuldig, oder? Ihm wird nichts vorgeworfen? Warum sollen wir ihn überwachen?“
„Der Mann hat gerade seine Therapie abgebrochen und läuft Tag und Nacht durch Hamburg. Nach unseren Erkenntnissen ist er wieder psychotisch, aber, ja, das ist keine Straftat. Dass er gut 50 Geheimdienste auf eine Mailingliste gesetzt hat, ist auch keine Straftat. Dass er dann an diese Liste diese Anzeige gegen die Stimmen, die er 2003 hatte, geschickt hat, auch nicht. Aber was die 50 Dienste jetzt, ohne dass er etwas davon mitbekommt, mit dieser Liste machen, das ist .. gefährlich. Ihr seid gerade seine Schutzengel. Und damit ihr das sein könnt, bekommt ihr heute eure Zugänge.“
-
Die Studenten wurden jetzt ziemlich unruhig auf ihren Stühlen. Es hätte bloß gefehlt, dass einer aufgestanden wäre und den Professor gefragt hätte, ob man sich das anhören müsse. So kam es mir jedenfalls vor. Doch Heise hatte mich gebeten, meinen Gedanken auszuführen, also blieb ich in der Rolle:
„Dann hätten sie auch den Dinosauriern das sprechen beibringen können. Ui, jetzt habe ich aber ein großes Fass aufgemacht. Also, Sie müssen verstehen, dass ich davon ausgehe, dass die Wesen in einer sehr alten Gesellschaft leben, oder sogar selbst sehr alt sind. Ich glaube ja nicht, dass Menschen allein Gedanken übertragen können. Also, da bin ich zumindest sehr skeptisch. Aber ich höre diese Stimmen, zumindest habe ich das .. also nicht jetzt gerade. Ach, ich kann nicht erwarten, dass Sie mir folgen können.“
Ich faltete meine Hände und schaute wieder zu Boden. Dann versuchte ich wieder einen Faden zu finden, der für die Studenten interessant wäre:
„Vielleicht können Sie gerade live miterleben, wie ein Wahngebilde in sich zusammenfällt.“
-
Der Netzwerkadmin des BND-Bunkers brachte dann gegen 17 Uhr die Zugänge mit. Er hieß Michael und Michael saß jetzt an Mathildas Rechner. Die sechs rückten ran und guckten ihm über die Schulter, während er zu erklären begann:
„Mathilda001 ist dein Benutzername und hier gibst du bitte dein Passwort ein.“
Mathilda tat, wie ihr gesagt wurde.
„Enter?“
Leicht erkennbar baute sich auf dem Bildschirm eine Überwachungsmaske auf. Eine Straßenkarte zeigte Typs Position mit einem weißen, transparenten Punkt, umrandet von einem roten Kreis an. Ein anderes Fenster zeigte seine letzten Kontakte.
„Hier unter Kontakte seht ihr, was euer Mann so als Letztes von sich gegeben hat. Alles digitale und – warum auch immer – bei ihm auch das Gesprächsprotokoll.“
Michael zeigte auf einen der letzten Einträge. Neben einer Galileo-Koordinate erschien tatsächlich ein sehr genau transkribiertes Gesprächsprotokoll. ZP stand für Zielperson. Dort stand:
16:38h. ZP geht in Kiosk.
ZP: Ein TomTom bitte.
Verkäufer: TomTom? Mr. Tom. 60 Cent bitte.
ZP: Danke.
V: Danke, schönen Tag noch.
ZP: Gleichfalls, danke.
Betty und Ingmar hatten so etwas schon gesehen. Die anderen nicht. Das wusste aber jeweils keiner. Außer Michael, doch der behielt es für sich.
„Ok?“ fragte Bart. „Habt ihr das über sein Smartphone?“
„Was weiß ich? Ich weiß nur, dass irgendwo in, lass mal sehen, Hamburg, eure Zielperson rumläuft und seine Gespräche quasi in Echtzeit transkribiert werden und ich euch Zugänge geben soll, damit ihr wisst was eure ZP gerade macht.“ erklärte Michael seinen Zuständigkeitsbereich. „Die Suchmaske hier ist klar.“
Er klickte eine Lupe im Kontakte-Fenster an, worauf sich eine Suchmaske öffnete. „Damit kommt ihr klar.“ Er ging offenbar nach dem Prinzip vor, er werde am Ende schon nichts vergessen haben.
„Dann haben wir noch die Nacht- und Wärmebilder der Luftüberwachung.“ Michael klickte auf einen Menüpunkt neben der Straßenkarte, der aus einer Taschenlampe bestand, woraufhin der Bildschirm überhell wurde. „So, Nachtsicht. Etwas hell gerade, ist ja klar.“ Und auf eine Schaltfläche mit einem Insekt. „Die Mücke hier steht für das Wärmebild.“ Das Bild änderte die Farbgebung. „Hier, etwas heller, seht ihr die Abgase und, mal gucken ..“ Michael suchte auf der Karte nach etwas Bestimmten. „Hier haben wir einen Eisladen. So. Jetzt kaufe sich bitte mal jemand ein Eis.“
„Das ist ja geil!“ juchzte Mathilda.
„Ok, also wenn da jetzt jemand ein Eis kaufen würde, dann seht ihr das als schwarzen Fleck. Funktioniert in einer richtig kalten Nacht aber besser. Da seht ihr die Fürze der Leute! Der Rest ist selbsterklärend.“
„Was ist das hier?“ Mathilda zeigte auf einen anderen Menüpunkt neben der Straßenkarte mit einer Art Preisschild.
„Ah, ok, da blendet ihr allerlei Spielkram ein. Handydaten über die Netzortung“, Michael klickte ein bisschen in einem Untermenü herum. Personen, die sich im Bild der Luftüberwachung befanden, bekamen eine Einblendung ihrer Telefon- und IMEI-Nummer.
„Wow!“ Mathildas Frage hatte sich gelohnt.
„Kfz-Zulassungen“, Michael klickte weiter. Er guckte sich kurz um und erkannte, weiter erklären zu müssen: „Nummernschildscans.“ Sechs Gesichter sahen weiter gespannt auf den Monitor. „Über die Verkehrsüberwachung, hm?“
„Nee nee, ist klar.“ stellte ein sichtlich nervöser Bart fest.
„Also dann.“ Michael klatschte mit den Händen auf die Oberschenkel und stand auf. „Viel Erfolg. Ich gebe euch noch einen Tipp: Wenn's spannend ist, wollt ihr alle gleichzeitig gucken und wenn's langweilig ist keiner. Macht das nicht. Haltet euch an euren Dienstplan, sonst gibt's nur Stress.“
„Wer schreibt denn eigentlich die Transkripte der Kontakte?“ wollte Betty noch wissen.
„Die fleißigen Wichtel.“
„Die .. fleißigen Wichtel?“ hakte sie nach.
„Die fleißigen Wichtel.“ Michael gab jedem einen Notizzettel mit dem Benutzernamen für das System und verschwand ohne weitere Worte.
-
„Nein nein“, meldete sich Professor Heise. „Das sind Gedanken, die Ihnen sehr wichtig sind und wir würden uns freuen, wenn Sie uns einen Einblick geben würden.“
„Ok.“ Ich versuchte den Gedanken genau so klar zu fassen, wie er eigentlich in mir vorhanden war:
„Ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass es ein Dilemma ist, aber das ist es einfach. Warum helfen uns die Wesen nicht? Und warum halte ich meine Einstellung aufrecht, dass es sie gibt? Ich denke man muss da einige Kompromisse eingehen, was Wunsch und Wirklichkeit betrifft. Es ist nun mal so, wie es ist. Wir haben keine Außerirdischen auf der Erde, die uns bei existentiellen Fragen helfen. Und ich denke gerade mit Ihnen laut über die Möglichkeit nach, dass es doch einen Kontakt zu den Außerirdischen geben könnte. Kennen Sie die Welt von Star Trek? Raumschiff Enterprise?“ fragte ich in die Runde.
Ein Student meldete sich zu Wort: „Die oberste Direktive. Das Gebot, dass man sich als Außerirdischer nicht in das Leben eines Planeten einmischt, bevor die Bewohner selbst die Raumfahrt beherrschen?“
Ich bestätigte. Der Student hatte aber noch eine Frage:
„Warum gerade Sie?“
„Warum gerade ich?“
„Warum hören gerade Sie die Stimmen von Außerirdischen?“
„Das ist eine berechtigte Frage. Vielleicht habe ich am Ende doch einfach in meiner Jugend zu viel gekifft und bin einsam.“
-
Ingmar und Mathilda hatten gerade Dienst. Sporty und Basti waren in der Kantine. Betty und Bart hatten die ganze Nacht am Rechner gesessen und lagen nun nebenan und ruhten sich aus, vielleicht schliefen sie sogar.
Basti hatte gestern die Idee, bei Michael einen Videobeamer zu bestellen, damit sie sich nicht immer um die kleinen Monitore versammeln mussten. Der wurde vorhin geliefert und Mathilda stellte ihn gerade auf. Ingmar beobachtete Typ während dessen dabei, wie er Pfandflaschen in einem Supermarkt abgab.
Mathilda schaltete den Beamer ein und Ingmar legte seinen Bildschirminhalt auf. Es sah jetzt etwas so aus wie ein Raumfahrt-Kontrollzentrum, nur viel kleiner. Sporty und Basti kamen vom Essen.
„Ah, er gibt die Flaschen ab.“ bemerkte Basti.
„Ist ja auch vollkommen blank der Mann.“ ergänzte Sporty.
„Hab ich das richtig verstanden. Vor sechs Wochen hat unser Herr Longolius noch beim Spiegel gearbeitet. Dann ist er raus geflogen, weil er nicht mehr richtig gearbeitet hat, oder so ähnlich. Dann hat er sich einen Anwalt besorgt, damit er an sein ausstehendes Gehalt kommt und davon ist er ein Wochenende nach Schweden gefahren. Dann kommt er wieder, und weil er seit drei Monaten keine Miete gezahlt hat, muss er seine Wohnung verlassen.“ will Mathilda wissen, die gerade fertig mit dem Einstellen des Beamers war.
„Die Wohnung hätte er gar nicht verlassen müssen. Er hätte die mit ein bisschen Hilfe locker halten können. Du kannst ja jemanden nicht einfach auf die Straße setzen in Deutschland.“ weiß Basti.
„Kann man schon!“ sagt Mathilda. „Aber das Gesundheitsamt war ja da. Warum hat er sich von denen nicht helfen lassen?“
„Es sieht so aus, als meint er gerade keine Wohnung zu brauchen. Außerdem, guckt mal hier ..“ Ingmar legt ein Gesprächsprotokoll auf den Beamer. „Der Mann vom Gesundheitsamt war da und hat zu Typ gesagt, wenn er Hilfe braucht, dann kann er sich jederzeit melden. Aber dann ..“ er vergrößert ein Dokument. „Dann kriegt er ein paar Tage später vom Gericht ein Schreiben. Der Mann vom Amt, der ihn besucht hat, hat bei Gericht eine gesetzliche Betreuung angeregt. Das hat er Typ aber nicht angekündigt, als er da war.“
„Was bedeutet das?“ fragt Sporty.
„Naja, so ein Betreuer kann dann bei Gericht beantragen, dass jemand ins Krankenhaus kommt. Und zwar eskortiert von der Polizei. So, gegen die Betreuung hat er beim Amtsgericht Widerspruch eingelegt. Dann ging es zum Landgericht, und die haben die Betreuung bestätigt. Ich ..“ Ingmar schloss das Dokument. „.. finde das etwas seltsam. Jemand der erfolgreich Widerspruch gegen eine Betreuung einlegen kann, so dass das in die nächste Instanz geht, fällt doch irgendwie flach für eine Betreuung, oder bin ich doof?“
Mathilda fand das auch interessant, konnte sich aber durchaus vorstellen, dass eine Zwangsbehandlung, und darauf würde eine Betreuung bei jemandem wie ihrer Zielperson wohl hinauslaufen, dem nicht widersprechen müsse.
„Aber irgendwas ist da faul. Der Betreuer, der beim Landgericht dabei war ..“ Ingmar zog ein Foto des Betreuers auf die Leinwand. „.. Felix kennt den noch von den Jahren nach seiner Psychose in 2003. Der Betreuer hat nach der Anhörung beim Landgericht mit dem eigentlichen Psychiater von unserer ZP telefoniert. Und da hat er gesagt, warte ..“
Ingmar zog ein Gesprächsprotokoll auf die Leinwand.
Betreuer: Herr Longolius war sehr gestresst. Er hat den Richter gefragt, was denn dann die nächste Instanz sei. Und der Richter hat gesagt, das sei der Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Da will er jetzt hin.
Ingmar scrollte etwas herunter.
„So, dann ein bisschen Blabla aber hier ..“
Ingmar markierte mit der Maus eine Textstelle.
„.. wird's spooky. Der Betreuer erwähnt, dass der Richter ihn regelrecht überredet hat, Felix ins Krankenhaus einliefern zu lassen. Da ist was faul.“
Betty betrat verschlafen das Büro: „Was gibt's Neues?“
„Bist Du schon wieder auf den Beinen?“ fragte Mathilda.
„Bart schnarcht wie ein Weltmeister. Bin aufgewacht.“
„Ach, wir unterhalten uns über das Gericht. Und Typ bringt seine letzten Pfandflaschen zum Supermarkt, weil er ziemlichen Hunger haben muss.“ sagt Basti.
„Kriegt er noch welche vom Getränkemarkt?“ wollte Betty wissen.
„Nee, das sind die letzten. Sein Abo ist abgelaufen.“
„Welches Abo?“ fragte Mathilda.
„Ach.“ sagte Betty. „Er hat sich von seinem letzten Geld beim Getränkelieferanten zwei Wasserkisten pro Woche bestellt. Aber wie lange kann er denn noch bei seinem Kumpel wohnen? Der muss doch bald mal wiederkommen.“
„Die fleißigen Wichtel haben uns nur aufgeschrieben, dass sein Freund in Polen im Krankenhaus ist.“
„Wegen Depression.“ ergänzte Betty.
„In einem Krankenhaus.“ bestätigt Basti.
Ingmar holte die Überwachungskamera des Supermarkts auf den Schirm. Typ hatte alle Flaschen in den Automaten gesteckt und sich drei Kilo Mehl, Hefe, eine Packung Margarine, Pfeffer und Rosenkohl ausgesucht. Er stand an der Kasse und löste gerade den Pfandbon ein.
„Der sieht fertig aus.“ fand Ingmar.
„Jepp.“ bestätigt Basti.
Typ hat eine komische Unterhaltung mit der Kassiererin. Die Agenten sehen die Szene gespannt an.
„Er hat irgendwas mit dem Wechselgeld.“ meint Mathilda zu erkennen.
„Naja. Für den zählt jeder Cent.“
Typ hält an der Kasse offenbar einen kleinen Vortrag. Er gestikuliert wild und spricht die Leute in der Schlange an der Kasse an.
„Ach, wenn man das Transkript braucht ist keins da.“
Doch die Wichtel sind wirklich fleißig, offenbar ist einer in der Schlange hinter Typ und die Daten kommen gerade rein.
„Ok.“ Ingmar holte den aufgeschriebenen Dialog nach vorn.
ZP löst Bon ein. Kassiererin gibt Wechselgeld.
ZP: Was soll das denn. Bei 4 Cent Wechselgeld muss ich wie oft Einkaufen, um auf einen Euro zu kommen? 25 mal. Ich muss 25 mal einkaufen um mir von dem Wechselgeld eine halbe Packung Pfeffer kaufen zu können. Die 4 Cent können Sie behalten.
„Na toll. Was um Himmels willen machen wir hier eigentlich.“ Sporty war genervt.
„Ja, schon komisch.“ pflichtete Mathilda bei. „Sagt mal, wo ist denn der Wichtel?“
Ingmar spulte im Video zurück und zoomte in die Schlange. Mehrmals. „Wahrscheinlich hat da einer ein Mikrofon und tippen tut's jemand anderes.“
„Und wieso kriegen wir nicht gleich das Audio?“ fragte Mathilda.
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Die Frage, warum gerade ich Stimmen höre, wurde dieses mal dann aus Zeitgründen nicht weiter erörtert und Professor Heise beendete die Veranstaltung: „Vielen Dank! Ich hoffe Sie haben den Einblick, den uns unser Gast heute gegeben hat, genau so wertvoll gefunden wie ich. Es ist die Frage, welche Seite eigentlich verunsichert sein sollte, auch wenn es beiden Seiten eindeutig zu sein scheint: Wir rationalen Mediziner mögen geneigt sein, Herrn Longolius nahezulegen, das mit dem Stimmen hören nochmal zu überdenken, während sich unser telepathierender Gast zu wünschen scheint, mit seinem Weltbild mehr Halt in unserer wissenschaftlichen Gesellschaft zu finden. Ich freue mich jedenfalls auf das nächste Mal und hoffe, ich sehe Sie genau so zahlreich wieder, damit wir diesem Widerspruch weiter auf den Grund gehen können.“
Heise lud mich dann ein, mit ihm in die Mensa zu gehen. Bei einem Stück Kuchen und Kaffee redeten wir Tacheles:
„Warum lassen Sie mich so sehr kommen in dem Seminar. Die Studenten machen sich doch sicherlich schon lustig über mich, den Typ der Stimmen hört, obwohl's total unlogisch ist.“ fragte ich Heise, weil ich inzwischen die Sorge hatte, er wolle mich irgendwie auflaufen lassen.
[Fortsetzung folgt; Wer es nicht erwarten kann: felix.longolius.net/buch]