EXPERTEN IM GESPRÄCH | Psychiatrische Diagnose: Psychiater sollten wieder lernen, das gesamte Erscheinungsbild eines Patienten zu erfassen. - Prof. Josef Parnas
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Phoenix -
26. März 2026 um 03:59 -
121 Mal gelesen
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EXPERTEN IM GESPRÄCH |
Problem psychiatrische Diagnose: Psychiater sollten wieder lernen, das gesamte Erscheinungsbild eines Patienten zu erfassen. - Prof. Josef Parnas
Josef Parnas, Professor für Psychiatrie an der Universität Kopenhagen, sieht das moderne psychiatrische Diagnosesystem in einer tiefen Krise. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen das aktuelle System, das Diagnosen über Checklisten von Symptomen definiert.
Die Kernprobleme
Durch die Fixierung auf bloße Symptomlisten (z. B. „hört Stimmen“ oder „hat Wahnvorstellungen“) geht das Verständnis für das eigentliche Wesen (den Gestalt-Charakter) von Krankheiten wie Schizophrenie verloren. Die Umstellung auf rein deskriptive Kriterien sollte die Zuverlässigkeit erhöhen, führte aber laut Parnas zu einer „Krise der Beschreibung“. Symptome werden wie isolierte, physikalische Objekte behandelt, was der komplexen menschlichen Subjektivität nicht gerecht wird.
Da Kriterien oft vage und aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen sind, überschneiden sich Diagnosen massiv. Dies führt zu künstlichen „Epidemien“ bestimmter Diagnosen und einer Verwässerung psychiatrischer Begriffe. In der Ausbildung junger Psychiater wird die Lehre von den psychischen Krankheitserscheinungen und Symptomen oft durch das bloße Abarbeiten von standardisierten Interviews ersetzt. Dies führt dazu, dass klinische Feinheiten und das subjektive Erleben des Patienten übersehen werden.
Parnas plädiert dafür, die Subjektivität und das Bewusstsein wieder ins Zentrum der Psychiatrie zu rücken.
- Ich-Störungen (Self-Disorders): Er identifiziert fundamentale Störungen des „minimalen Selbst“ als den eigentlichen Kern der Schizophrenie. Diese Störungen zeigen sich oft schon Jahre vor dem ersten psychotischen Schub.
- Um diese subtilen Veränderungen im Selbsterleben messbar zu machen, entwickelte er mit Kollegen die EASE (Examination of Anomalous Self-Experience), ein Instrument für phänomenologisch orientierte Interviews.
Statt Checklisten zu zählen, sollten Psychiater wieder lernen, das gesamte Erscheinungsbild eines Patienten (die Gestalt) erfassen.