EXPERTEN IM GESPRÄCH | Ich-Störung bei Schizophrenie
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Phoenix -
22. März 2026 um 01:07 -
192 Mal gelesen -
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EXPERTEN IM GESPRÄCH | Ich-Störung bei Schizophrenie
Ich-Störungen bei Schizophrenie
In seinen Vorträgen und Publikationen vertritt Prof. Dr. Josef Parnas die These, dass Schizophrenie im Kern eine Selbststörung (self-disorder) ist. Dieser Ansatz versteht die Erkrankung nicht primär über auffällige Symptome wie Halluzinationen, sondern als eine grundlegende Erschütterung des Ich-Erlebens.
Kernkonzepte des Modells
Das von Parnas und Louis Sass entwickelte Modell beschreibt zwei zentrale Verzerrungen des Bewusstseins:
- Hyperreflexivität: Eine übersteigerte, unfreiwillige Selbstbeobachtung, bei der normalerweise unbewusste Vorgänge (wie das eigene Denken oder Körperempfindungen) als fremdartige Objekte wahrgenommen werden.
- Verminderte Selbst-Präsenz: Ein Verlust des basalen Gefühls, der Urheber der eigenen Erfahrungen und Handlungen zu sein ("Mein-haftigkeit"). Betroffene fühlen sich oft "nicht richtig lebendig" oder wie ein "Zuschauer im eigenen Leben".
Die Examination of Anomalous Self-Experience (EASE)
Um diese oft schwer fassbaren Erfahrungen klinisch messbar zu machen, entwickelte Parnas mit Kollegen das EASE-Interview. Es ist ein Leitfaden für ein phänomenologisches Gespräch, das über 50 verschiedene Anomalien des Selbsterlebens erfasst, darunter:
- Störungen des Gedankenflusses (z. B. Gedankenhören).
- Veränderte Körpererfahrungen (z. B. Gefühl der Entfremdung vom eigenen Körper).
- Verlust der "natürlichen Selbstverständlichkeit" im Umgang mit der Welt.
Bedeutung für Diagnose und Forschung
Parnas betont, dass diese Selbststörungen oft schon Jahre vor der ersten Psychose auftreten und spezifisch für das Schizophrenie-Spektrum sind. Sie dienen daher als wichtiger Indikator für die Früherkennung und unterscheiden Schizophrenie von anderen Erkrankungen wie der bipolaren Störung.
In seinen Vorlesungen kritisiert er zudem moderne Diagnosesysteme wie das DSM-5, da diese Schizophrenie lediglich als eine Liste von Symptomen ("Checklisten-Psychiatrie") behandeln und dabei das subjektive Leiden und die gestörte Struktur des Bewusstseins vernachlässigen.
Ich-Störungen bei Schizophrenie - Prof. Julie Nordgaard
Julie Nordgaard absolvierte ihr Studium an der Universität Kopenhagen, wo sie 2012 auch promovierte. Sie ist als außerordentliche Professorin am Institut für Klinische Medizin der Universität Kopenhagen und als leitende Oberärztin am Zentrum für psychische Gesundheit Amager in Kopenhagen tätig.
Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf der Psychopathologie und dem psychiatrischen Diagnostikgespräch aus phänomenologischer Perspektive mit Fokus auf die subjektiven Erfahrungen der Patientinnen und Patienten. Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum stehen dabei im Mittelpunkt ihres besonderen Interesses.
Dr. Nordgaard ist zudem Vorsitzende des Instituts für Psychopathologie und Leiterin aller Aktivitäten im Zusammenhang mit EASE (Untersuchung anomaler Selbsterfahrungen).
Josef Parnas, ein führender dänischer Psychiater und Phänomenologe, hat das Konzept des Double Bookkeeping (doppelte Buchführung) in der Schizophrenie-Forschung maßgeblich weiterentwickelt. Er nutzt diesen Begriff, um zu erklären, warum viele Patienten trotz offensichtlicher psychotischer Erlebnisse scheinbar eine Form von "Einsicht" in ihre Situation vermissen lassen.
Kernkonzept: Double Bookkeeping
Double Bookkeeping beschreibt die Fähigkeit von Patienten, gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Realitäten zu leben:
- Die geteilte Welt: Die alltägliche, soziale Welt, in der Naturgesetze und soziale Regeln gelten.
- Die private Realität: Eine oft als "tiefer" oder "wahrer" empfundene Dimension, in der Wahnvorstellungen und Halluzinationen angesiedelt sind.
Parnas betont, dass diese Welten nebeneinander existieren können, ohne dass der Patient sie als widersprüchlich empfindet. Ein klassisches Beispiel ist der Patient, der glaubt, das Essen im Krankenhaus sei vergiftet, es aber dennoch ohne Widerstand verzehrt.
Krankheitseinsicht in der Schizophrenie
Parnas kritisiert das herkömmliche medizinische Verständnis von "mangelnder Einsicht" als rein kognitiven Defekt oder Abwehrmechanismus. Stattdessen schlägt er eine phänomenologische Sichtweise vor:
- Kein kognitiver Fehler: Fehlende Einsicht ist kein einfacher Urteilsfehler, sondern tief in der Struktur des Erlebens verwurzelt.
- Apodiktische Gewissheit: Psychotische Erlebnisse besitzen für den Patienten eine unmittelbare, unumstößliche Gewissheit (ähnlich wie körperlicher Schmerz), die sich rationalen Argumenten entzieht.
- Selbst-Störungen: Die Ursache für mangelnde Einsicht liegt in grundlegenden Veränderungen des Selbstgefühls, die bereits vor der manifesten Psychose auftreten können.
Das "Insight Paradox"
In der klinischen Praxis wird oft das Insight Paradox beobachtet: Während eine höhere Krankheitseinsicht klinisch vorteilhaft sein kann (z. B. bessere Therapietreue), führt sie bei Patienten oft zu negativen subjektiven Folgen wie Depressionen, Verlust von Hoffnung und vermindertem Selbstwertgefühl, da sie sich mit der Stigmatisierung und den Auswirkungen der Diagnose konfrontiert sehen.
Therapeutische Implikationen
Parnas argumentiert, dass Therapeuten die psychotischen Erlebnisse nicht einfach als "falsch" abtun sollten. Ziel der Therapie sollte es sein:
- Die subjektive Realität des Patienten anzuerkennen.
- Dem Patienten zu helfen, eine Balance zwischen den beiden Realitäten zu finden, um Leid zu minimieren.
Die zugrunde liegende Vulnerabilität (Selbst-Störungen) zu thematisieren, statt nur oberflächliche Symptome korrigieren zu wollen.
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