EXPERTEN IM GESPRÄCH | Sind Psychosen bedeutungsvoll und muss ihre Bedeutung verstanden werden, damit eine echte Heilung stattfinden kann? - Prof. Andrew Moskowitz
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Phoenix -
8. März 2026 um 00:17 -
312 Mal gelesen -
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EXPERTEN IM GESPRÄCH |
Sind Psychosen bedeutungsvoll und muss ihre Bedeutung verstanden werden, damit eine echte Heilung stattfinden kann? - Prof. Andrew Moskowitz
Die Sichtweise von psychischen Störungen als „unverstehbar“ steht die Position gegenüber, dass psychotische Symptome nicht nur bedeutungsvoll sind, sondern dass ihre Bedeutung verstanden werden muss, damit eine echte Heilung stattfinden kann.
Eine Psychose kann als eine sinnvolle, wenn auch belastende Reaktion auf ein Trauma verstanden werden. Sie ist ein extremer Abwehrmechanismus, der oft eng mit Dissoziation (Abspaltung von belastenden Gefühlen und Gedanken) verknüpft ist. Anstatt lediglich ein „geschädigtes Gehirn“ zu sein, sind Psychosen häufig eine instinktive Reaktion auf überwältigenden Stress, wobei Halluzinationen und Wahnvorstellungen symbolische, dissoziative Versuche darstellen, unerträgliche Erfahrungen zu verarbeiten.
Die Auffassung, dass eine Psychose bedeutungsvoll ist, stellt eine bedeutende Abkehr von traditionellen medizinischen Modellen dar, die sie oft als eine „bedeutungslose“ organische Hirnfunktionsstörung betrachten. Diese Perspektive legt nahe, dass psychotische Symptome – wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen – nicht zufällig sind, sondern eng mit dem Lebenskontext des Einzelnen verbunden, insbesondere mit Traumata und Dissoziation.
Der Zusammenhang zwischen Trauma, Dissoziation und Psychose
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Psychosen häufig als symbolische oder funktionale Reaktion auf überwältigende Lebensereignisse dienen:
Trauma als Katalysator: Bei Menschen mit psychotischen Störungen finden sich häufig Fälle von Kindheitstraumata (körperlicher, sexueller oder emotionaler Missbrauch und Vernachlässigung). Ein Trauma wird definiert als die Unfähigkeit, ein erschütterndes Ereignis in das Selbstbild zu integrieren, wodurch es fortbesteht und als psychotisches Phänomen wiederkehrt. Eine Vorgeschichte von Kindheitstraumata verdreifacht das Risiko für eine Psychose; bis zu 90 % der Frauen, bei denen Schizophrenie diagnostiziert wurde, berichten von solchen Erfahrungen.
Dissoziation als Brücke: Dissoziation bezeichnet eine Spaltung des Geistes zur Bewältigung eines Traumas. Studien zeigen, dass Dissoziation die Beziehung zwischen Kindheitstraumata und positiven Symptomen wie Halluzinationen und Paranoia vermittelt. Viele Symptome, die als psychotisch gelten, wie Stimmenhören und Wahnvorstellungen, werden heute besser als dissoziativer Natur konzeptualisiert – eine „Spaltung“ der Persönlichkeit.
Bedeutungsvolle Symptome: Wahnvorstellungen liefern oft eine Erzählung, die versucht, tiefen emotionalen Schmerz und Schrecken zu erklären oder ihnen einen Sinn zu geben. Nach dieser Auffassung ist „Wahnsinn“ nicht unverständlich. Vielmehr spiegeln die Inhalte von Halluzinationen (z. B. die spezifischen „Stimmen“) häufig vergangene traumatische Erlebnisse oder innere Konflikte wider. Das Verständnis dieser Bedeutung gilt als wesentlich für eine echte Heilung. Betroffene profitieren daher mehr von traumafokussierten Therapien als von Standard-Antipsychotika.
Flashbacks als Psychose: Ähnlich wie bei der posttraumatischen Belastungsstörung kann es bei einer Psychose zu Wiedererleben vergangener Traumata kommen, wobei die Erinnerungen nicht als solche erkannt, sondern als gegenwärtige, wahnhafte oder halluzinatorische Erlebnisse interpretiert werden.
Behandlungsschwerpunkt: Eine Therapie, die sich auf Trauma, Dissoziation und Sicherheit konzentriert, ist oft wirksamer als eine Therapie, die sich ausschließlich auf die Linderung der Symptome konzentriert. Ein erheblicher Teil derjenigen, bei denen Schizophrenie diagnostiziert wurde, leidet möglicherweise tatsächlich an einer durch ein Trauma ausgelösten dissoziativen Störung. Die Erkenntnis des zugrunde liegenden Traumas kann Ärzten und Patienten helfen, den Erlebnissen einen Sinn zu geben.
Für einen tieferen Einblick in diese Perspektive kann die Vorlesungsreihe von Dr. Andrew Moskowitz oder das wegweisende Buch Psychosis, Trauma and Dissociation erkundet werden. Prof. Andrew Moskowitz, ist klinischer Psychologe und derzeit Professor für Psychologie am Touro College in Berlin. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Psychosen, insbesondere in deren Zusammenhang mit Trauma und Dissoziation.
Ist eine Psychose bedeutungsvoll? Trauma, Dissoziation und Schizophrenie
Psycho | Ich und Schizophrenie - ARTE DOkU
Schizophrenie ist vielleicht die psychische Störung mit dem größten Stigma: Schizophrene sind komisch, gar gefährlich, wird oft behauptet. Erfahren Freunde von der Diagnose ziehen sie sich nicht selten zurück. Dabei ist Betroffenen bei frühzeitiger und richtiger Behandlung ein ganz normaler Alltag möglich. Und das ist die Regel und nicht die Ausnahme. Die Folge „Ich und Schizophrenie“ zeigt, wie Betroffene mit den Symptomen und der Ausgrenzung umgehen und sich dabei ein Leben aufbauen.
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