
ZITATE ZUR GESUNDHEIT |
„Wahnsinn ist eine vollkommen vernünftige Anpassung an eine verrückte Welt.“
– R. D. Laing
Ronald David Laing (1927–1989), war ein einflussreicher schottischer Psychiater, der als zentrale Figur der Antipsychiatrie-Bewegung der 1960er Jahre gilt. Sein Ansatz stellte die damaligen medizinischen Behandlungsmethoden für psychische Erkrankungen, insbesondere Schizophrenie, grundlegend infrage.
Stempelt die Gesellschaft psychisch Kranke zu "Verrückten", damit die Mehrheit sich "normal" fühlen kann? Ronald D. Laing setzte sich dafür ein, psychisch Kranke anders zu verstehen - auch bei befremdlichen Krankheiten wie der Schizophrenie. Am Anfang steht die Frage: Wer ist hier eigentlich verrückt?
Ausbildung

Laing studierte Medizin an der Universität Glasgow und wurde 1951 zum Dr. med. promoviert. Von 1951 bis 1953 arbeitete er als Psychiater in der britischen Armee. Dort entwickelte er ein besonderes Interesse an psychotischen Patienten und versuchte einen Zugang im Sinne der Verstehenden Psychologie zu finden.
1956 lehrte Laing das Fach Psychologie an der Universität in Glasgow und begann eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. In Enttäuschung von dieser Erfahrung wandte er sich der analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs zu, dessen Denken eine Rehabilitation psychotischer Prozesse als sinnvolle, seelische Neustrukturierung zu erlauben scheint.
"Wahnsinn" ist oft eine verständliche Reaktion
Laings Arbeit basierte auf der Überzeugung, dass der "Wahnsinn" oft eine verständliche Reaktion auf eine unerträgliche soziale Umwelt oder dysfunktionale Familienverhältnisse sei. Er betrachtete Schizophrenie daher nicht als Krankheit, sondern als eine „spezielle Strategie“, um eine unerträgliche Situation zu überstehen. Er argumentierte, es handele sich eher um eine „soziale Tatsache“ als um eine medizinische Erkrankung.
Laing stellte die Definition von geistiger Gesundheit in Frage und deutete an, dass die Gesellschaft selbst "verrückt" sei. Er bezeichnete Wahnsinn als eine „völlig rationale Anpassung an eine verrückte Welt“. Er glaubte, Wahnsinn könne ein „Durchbruch“ hin zu Befreiung und Erneuerung sein. Er sah Psychosen teilweise als heilende "innere Reisen" oder transformative Episoden an. (siehe ausführlich im Artikel: Wahn und Sinn )
Zitat„Wahnsinn muss nicht zwangsläufig Zusammenbruch bedeuten. Er kann auch ein Durchbruch sein. Er birgt das Potenzial für Befreiung und Erneuerung, aber auch für Versklavung und existenziellen Tod.“ Ronald David Laing
Das psychiatrische System
Er betrachtete Schizophrenie als einen Begriff, der von Psychiatern für Menschen verwendet wird, die sie als „schizophren“ einstufen. Er drehte den Spieß um: Nicht der Patient ist „unlogisch“, sondern das psychiatrische System, das menschliches Leid in klinische Etiketten presst. Er glaubte, dass Schizophrenie grundlegend mit dem „Verständnis der Verzweiflung“ zusammenhängt. Und auch ein Widerstand gegen die Gesellschaft sei und sah darin eine Weigerung, sich den „pseudosozialen Realitäten“ anzupassen.
In seinem Bestseller "Phänomenologie der Erfahrung" vertrat er die Ansicht, dass nicht die Patienten, sondern die moderne Gesellschaft "verrückt" sei. Er beschrieb „normal“ als ein Produkt der Verdrängung und destruktiven Einwirkung auf Erfahrung:
Zitat„Was wir als ‚normal‘ bezeichnen, ist ein Produkt von Verdrängung, Verleugnung, Spaltung, Projektion, Introjektion und anderen Formen destruktiver Einwirkung auf die Erfahrung.“ R. D. Laing
Das geteilte Selbst: In seinem Hauptwerk analysiert er die Unsicherheit, bei der Betroffene den Kontakt zur Realität verlieren, um ihr innerstes Selbst vor einer als bedrohlich erlebten Umwelt zu schützen. Er argumentierte, dass Psychosen entstehen können, wenn eine Person versucht, ihr wahres Selbst vor einer bedrohlichen Außenwelt zu schützen, indem sie ein "falsches Selbst" entwickelt.
Familiendynamik: Er untersuchte wie familiäre Kommunikationsmuster (z. B. widersprüchliche Botschaften) zur Entstehung von Schizophrenie beitragen können. Laing untersuchte intensiv die Interaktionsmuster in Familien, die psychotische Reaktionen geradezu provozieren können.
Kingsley Hall: Laing lehnte Standardbehandlungen wie Elektroschocktherapie oder Zwangsmedikation ab und suchte nach humaneren Alternativen. 1965 gründete er die Philadelphia Association und eröffnete in London das Projekt Kingsley Hall, eine Wohngemeinschaft, in der Patienten und Therapeuten gleichberechtigt zusammenlebten. Es gab dort keine Schlösser oder herkömmliche Medikamente. Er setzte seine Theorie in die Praxis um und gründete dieses Experimentalfeld, in dem es keine klassische Hierarchie zwischen Ärzten und Patienten gab.
Obwohl seine radikalsten Thesen heute kontrovers diskutiert werden, bleibt sein Einfluss auf die humanistische Psychologie, die Patientenrechte und die Entwicklung von therapeutischen Gemeinschaften bestehen. Sein Leben wurde 2017 im Film Mad to Be Normal (mit David Tennant) verfilmt.
Zitat"Der Zustand der Entfremdung, des Schlafes, der Bewusstlosigkeit, des Wahnsinns ist der Zustand des normalen Menschen. Die Gesellschaft schätzt ihren normalen Menschen sehr. Sie erzieht Kinder dazu, sich selbst zu verlieren und absurd zu werden, um so normal zu sein. Normale Menschen haben in den letzten fünfzig Jahren vielleicht 100 Millionen ihrer Mitmenschen getötet.“ – R. D. Laing,
Der Psychiater Ronald D. LaingWDR Zeitzeichen · 07.10.2022 · 15 Min. Podcast Abspielen |