
Kurze Gegendarstellung zu dem, was zum Absetzen von Neuroleptika und Antidepressiva kursiert:
Neuroleptika & Antidepressiva – keine „Sucht“, aber reale körperliche Abhängigkeit
Die verbreitete Aussage „Neuroleptika machen nicht abhängig“ ist wissenschaftlich irreführend und klinisch gefährlich.
1. Abhängigkeit ≠ klassische Sucht
Unabhängige Forscher:innen unterscheiden klar zwischen:
Sucht (Craving, Rausch) und
körperlicher Abhängigkeit durch neurobiologische Anpassung.
Johanna Moncrieff (Psychiaterin, UK):
Psychopharmaka verändern Gehirnprozesse dauerhaft.
Beim Absetzen reagiert das Gehirn mit Gegenregulationen, die schwere Entzugssymptome auslösen können – unabhängig davon, ob ein „Suchtverhalten“ vorliegt.
📄 The Myth of the Chemical Cure
2. Neuroleptika & Antidepressiva verursachen neurobiologische Anpassung
Langzeiteinnahme führt u. a. zu:
Dopamin-Rezeptor-Upregulation (v. a. bei Neuroleptika)
Serotonin-Rezeptor-Veränderungen (bei Antidepressiva)
veränderter Stress-, Schlaf- und Entzündungsregulation
Beim Reduzieren oder Absetzen entsteht daher Entzug, kein „Rückfall“.
Will Hall:
„Withdrawal symptoms are often mistaken for relapse. This misinterpretation fuels the revolving-door cycle.“
📄 Harm Reduction Guide to Coming Off Psychiatric Drugs (kostenlos)
Harm Reduction Guide to Coming Off Psychiatric Drugs and Withdrawal | Will Hall, MA, DiplPW
3. Entzug ist gut dokumentiert – auch bei Neuroleptika
Entzugssymptome können u.a. sein:
Angst, Schlaflosigkeit, innere Unruhe
Depression, emotionale Taubheit
psychotische Symptome (Rebound-Psychosen)
körperliche Symptome (Grippegefühl, Schwäche, Schmerzen)
Adele Framer:
Entzug kann monatelang oder länger dauern und ist dosis- und zeitabhängig.
📄 SurvivingAntidepressants.org
4. Abruptes Absetzen ist medizinisch riskant
Das gilt nicht nur für Benzodiazepine, sondern auch für:
Antidepressiva
Neuroleptika (inkl. atypischer)
Jim van Os & Peter Groot:
Kleine, hyperbolische Reduktionsschritte senken das Risiko schwerer Entzugssymptome erheblich.
📄 Taperingstrips
Tapering strip | Responsibly reducing your medicine intake
5. Klinische Praxis ohne Pharmainteressen
In den Niederlanden wird dies seit Jahren praktisch umgesetzt:
Remke van Staveren:
Begleitet Patient:innen und Ärzt:innen beim sicheren Reduzieren – ambulant und klinisch.
📘 Minder slikken, veel minder
https://www.remkevanstaveren.nl
6. Fazit (klar & unmissverständlich)
Neuroleptika und Antidepressiva sind keine klassischen Suchtmittel
sie können aber körperlich abhängig machen
Entzugssymptome sind real, neurobiologisch erklärbar
abruptes Absetzen erhöht das Risiko massiver Schäden
kleinschrittiges, individuelles Reduzieren ist Schadensminimierung, keine Ideologie
Dr. Josef Witt-Doerring (ehem. FDA-Berater):
Psychiatrischer Entzug ist eines der am meisten unterschätzten iatrogenen Probleme.
Warnung
Das Leugnen von Abhängigkeit fördert:
Fehlinterpretation von Entzug als „Rückfall“
unnötige Wiedereindosierung
den sogenannten Drehtür-Effekt
Das ist kein Schutz, sondern ein Systemfehler.