PSYCHOPHARMAKA ABSETZEN | Können auch chronisch schizophren Erkrankte ihre Antipsychotika reduzieren oder absetzen, die schon mehrere Psychosen hatten? - Die Ergebnisse der RADAR-Studie
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Phoenix -
30. Oktober 2025 um 01:45 -
252 Mal gelesen
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PSYCHOPHARMAKA ABSETZEN |
Können auch chronisch schizophren Erkrankte ihre Antipsychotika reduzieren oder absetzen, die schon mehrere Psychosen hatten? - Die Ergebnisse der RADAR-Studie
Die RADAR-Studie (Research into Antipsychotic Discontinuation and Reduction) war eine zwei jährige klinische Studie von 2023, die unter der Leitung der Psychiaterin Prof. Dr. Joanna Moncrieff durchgeführt wurde. Ihr Ziel war es, die Auswirkungen einer schrittweisen Reduktion und möglichen Beendigung von Antipsychotika bei Menschen mit Schizophrenie und wiederkehrenden Psychosen zu untersuchen. Die Teilnehmer wurden zufällig entweder einer Gruppe zugeteilt, in der sie ihre Medikation unter ärztlicher Aufsicht langsam reduzierten, oder einer Gruppe, die die gewohnte Behandlung fortsetzte. (2)
Prof. Joanna Moncrieff berichtet:
"Von Anfang an wurde ich von einem starken Team erfahrener Psychiater und Wissenschaftler unterstützt, die mir nicht nur bei den praktischen Angelegenheiten halfen, sondern der Studie auch Glaubwürdigkeit verliehen.
Darunter waren auch Personen, die in der Vergangenheit mit Pharmaunternehmen zusammengearbeitet hatten. Alle waren sich jedoch einig, dass Antipsychotika unangenehm und potenziell schädlich sind und dass wir Alternativen zur lebenslangen Behandlung erforschen müssen.
Die Studie wurde zudem von einem Team von Menschen mit eigener Erfahrung mit Psychosen und der Anwendung von Antipsychotika unterstützt, die sich großzügig Zeit nahmen und mich stets ermutigten." (1)
Es gelang 253 Personen für die Studie zu gewinnen. Die rekrutierten Personen hatten im Durchschnitt eine lange Vorgeschichte mit Kontakt zu psychiatrischen Diensten, einschließlich zahlreicher stationärer Aufenthalte.
Widerstand von Psychiatern
"Jeder Bereich benötigte einen Psychiater zur Unterstützung der Studie, und diese Aufgabe erforderte Engagement und Mut – einige dieser Psychiater mussten sich gegen Kollegen durchsetzen, die die Studie für überflüssig hielten. Sie beteiligten sich, weil sie davon überzeugt waren, dass die Studie den Patienten bessere Erkenntnisse über ihre Behandlung liefern und ihre Lebensqualität langfristig verbessern würde." (1)
Keine zusätzliche Unterstützung
Die Ergebnisse der RADAR-Studie zeigen, wie schwierig es für Menschen ist, Antipsychotika nach längerer Einnahme abzusetzen. Sie bot den Teilnehmenden, die zur Reduzierung ihrer Antipsychotika ausgewählt wurden, leider auch keine zusätzliche Unterstützung. Zum Beispiel mit natürlichen antipsychotischen Wirkstoffen (Heilpflanzen, Aminosäuren, hochdosierte B 12 Vitamine). Es gab aus Kostengründen lediglich eine engmaschige Überwachung durch Psychiater. Teilnehmende beider Gruppen konnten zudem psychologische Therapie oder allgemeine soziale Unterstützung in Anspruch nehmen sowie lokale Selbsthilfegruppen besuchen.
"Eine gezieltere Unterstützung wäre jedoch möglicherweise hilfreich gewesen, und sollte ich eine solche Studie erneut durchführen, würde ich definitiv entsprechende Angebote bereitstellen." (1)
Früheren Studien
In den meisten früheren Studien wurden die Antipsychotika über einige Tage oder Wochen abgesetzt, und ein Rückfall wurde oft so definiert, dass er auch Symptome wie Unruhe oder Schlaflosigkeit umfassen konnte – Symptome, die auf einen Entzugseffekt zurückzuführen sein können. (Siehe Artikel: "Können Antipsychotika vor Rückfällen schützen, verbessern sie die Funktionsfähigkeit und die Lebensqualität ? Was Studien wirklich zeigen.")
"Bei der Planung der RADAR-Studie hofften wir, dass eine langsame Reduzierung der Antipsychotika schwere Rückfälle verhindern würde (die wir als Krankenhausaufenthalt definierten, um sicherzustellen, dass sie eine signifikante Verschlechterung widerspiegelten)." (1)
Ergebnis: Personen, die der Reduktionsstrategie zugeteilt wurden, mussten zwar etwas häufiger aufgrund eines Rückfalls stationär aufgenommen werden als Personen, die der Erhaltungstherapie zugeteilt wurden (25 % vs. 13 %), aber ein Rückfall war nicht unvermeidlich.
Tatsächlich erlitten 72 % der Teilnehmenden beider Gruppen, die ihre Antipsychotika absetzten, keinen schweren Rückfall, und 71 % der Personen, die ihre Antipsychotika um mindestens 50 % reduzierten, taten dies ebenfalls nicht. Dreizehn Teilnehmende der Reduktionsgruppe und acht der Erhaltungsgruppe benötigten am Ende der Studie keine Antipsychotika mehr.
Es lässt sich also sagen, dass ein langsames Absetzen der Medikamente über ein bis zwei Jahre das Rückfallrisiko im Vergleich zur fortgesetzten Einnahme zwar leicht erhöht, allerdings erleidet nur eine Minderheit einen Rückfall. Und zwar nur 12% mehr als, als diejenigen, die ihre Antipsychotika weiter einnahmen und so eine Durchbruchspsychose und Überempfindlichkeitspsychose durch Antipsychotika erlitten.
Bei den Teilnehmenden der Reduktionsgruppe zeigte sich zudem bis zum Studienende keine Verschlechterung ihrer sozialen Funktionsfähigkeit, und die Psychosesymptome waren in beiden Gruppen zu diesem Zeitpunkt gleich.
Studie aus den Niederlanden
Bei einer ähnlichen Studie aus den Niederlanden (Wunderink et al., 2013 ) zeigte sich, wie bei den schweren Nebenwirkungen und typischen Folgeerkrankungen von Antipsychotika zu erwarten ist, dass bei der Nachuntersuchung nach 7 Jahren eine bessere soziale Funktionsfähigkeit bei denjenigen gab, die ihre Medikamente reduzierten oder absetzen. So lag die funktionelle Gesundungsrate in der Gruppe, die die Medikamente abgesetzt hatte bei 46 % gegenüber 20 %. Die Rückfallhäufigkeit war in der Gruppe die Antipsychotika weiter einnahmen sogar leicht erhöht. (3)
"Diese Studie liefert vorläufige Belege dafür, dass die langfristige Einnahme von Antipsychotika die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Genau das ist von Medikamenten zu erwarten, die Denkprozesse und Nervenaktivität hemmen. Die Studie zeigt zudem, dass es den Betroffenen langfristig besser geht, wenn man die Antipsychotika-Dosis schrittweise und begleitet reduziert. Manchen gelingt es, die Antipsychotika vollständig abzusetzen, und es geht ihnen gut. Insgesamt leiden die Betroffenen nicht unter stärkeren Symptomen oder Rückfällen, als wenn sie ihre ursprüngliche Dosis beibehalten hätten. " (6)
Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie mit Chlorpromazin aus dem Jahr 1978 mit Langzeit-Nachbeobachtung stützt diese Ergebnisse [ 24 ]. Bei der Nachuntersuchung nach drei Jahren, als Daten von 80 der 127 randomisierten jungen Männer mit akuten schizophrenen Episoden vorlagen, waren 11 von 41 Männern (27%) unter Placebo erneut ins Krankenhaus eingeliefert worden, verglichen mit 24 von 39 (62%) der Männer, die Chlorpromazin erhalten hatten.
Zwanzigjährige Langzeitstudie zu den Wirkungen von Antipsychotika
Eine weitere Studie begleitete Patienten mit Schizophrenie 20 Jahre lang, bei der 35 % ihre Medikamente absetzten. Insbesondere stellten die Forscher fest, dass diejenigen, die die Einnahme antipsychotischer Medikamente innerhalb von zwei Jahren nach der ersten Einnahme des Medikaments absetzten, eine fast sechsmal höhere Wahrscheinlichkeit hatten, sich von einer „schweren psychischen Erkrankung“ zu erholen, und dass die Wahrscheinlichkeit, erneut ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, nur 13,4 % höher war. (7) (Siehe Artikel: ANTIPSYCHOTIKA | Beseitigten oder reduzieren Antipsychotika Psychosen und verbessern den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit ? Ergebnisse von Langzeitstudien)
Schlussfolgerung zur RADAR-Studie:
"Ich habe bereits vor fast zwei Jahrzehnten über mögliche Erklärungen für unerwünschte Ereignisse nach dem Absetzen eines Medikaments geschrieben, und andere namhafte Forscher haben meine Analyse bestätigt. Eine Möglichkeit ist, dass das Medikament ein zugrundeliegendes problematisches Verhaltensmuster unterdrückte, das nach dem Absetzen wieder auftritt. Ich denke, dies trifft auf einige Menschen zu.
Eine andere Möglichkeit ist, dass der Entzugsprozess psychotische Symptome auslöst, wie es bei manchen Menschen ohne Psychose- oder psychische Vorerkrankung beobachtet wurde.
Ein schrittweiser Entzug sollte diese Möglichkeit unwahrscheinlicher machen, aber es lässt sich schwer sagen, ob die Dosisreduktion in der RADAR-Studie ausreichend schrittweise war, um sie vollständig auszuschließen ...
Ich möchte die Auswirkungen eines vollständigen Rückfalls keinesfalls verharmlosen, aber die qualitativen Ergebnisse zeigen, dass der Prozess der Reduzierung der Antipsychotika für manche Menschen unabhängig vom Ergebnis eine befreiende Wirkung hatte. Für einige war die RADAR-Studie das erste Mal, dass ihnen eine Alternative zur kontinuierlichen medikamentösen Behandlung angeboten wurde und dass sie zum ersten Mal wirklich in Entscheidungen über ihre eigene Zukunft einbezogen wurden.
Manche nahmen ihre Medikamente wieder ein, fühlten sich aber nun besser in der Lage, sie zu akzeptieren, und manche freuten sich darauf, sie irgendwann absetzen zu können, auch wenn ihnen das bisher nicht gelungen war ...
Und vor allem die Tatsache, dass die RADAR-Studie von so vielen Patienten und Fachleuten finanziert, abgeschlossen und unterstützt wurde, unterstreicht, dass die antipsychotische Behandlung alles andere als ideal ist und dass wir alternative Wege zur Unterstützung von Menschen mit psychotischen Zuständen erforschen müssen." (1)
Können Antipsychotika sicher und ohne Rückfall reduziert oder abgesetzt werden?
Ein neuer Artikel des Psychoseforschers Lex Wunderink von 2024 legt nahe, dass antipsychotische Medikamente sicher und effektiv reduziert werden können, ohne das Rückfallrisiko zu erhöhen. Der Schlüssel dazu, liege darin, die Dosis langsamer zu reduzieren als bisher angenommen und Patient und Familie in die individuelle Entscheidungsfindung einzubeziehen. (4)
„Viele Patienten mit Psychosen möchten ihre antipsychotischen Medikamente absetzen, da schwere Nebenwirkungen ihren Alltag langfristig beeinträchtigen. Der Hauptnachteil des Absetzens ist das Risiko eines Rückfalls. Moderne Ausschleichstrategien scheinen das Rückfallrisiko auf ein akzeptables Maß zu senken“
"Vorläufige Ergebnisse und klinische Erfahrungen deuten darauf hin, dass eine personalisierte Dosisreduktion von Antipsychotika in enger Zusammenarbeit mit Patienten und Angehörigen gemäß einem hier vorgestellten vorläufigen Rahmenkonzept praktikabel und sicher ist. " (4)
Studien haben gezeigt, dass dies tatsächlich möglich ist, ohne dass das Rückfallrisiko steigt. Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigte, dass 74,5 % der Patienten durch eine personalisierte, langsame Dosisreduzierung ihre Dosis reduzieren und bessere Ergebnisse erzielen konnten als diejenigen, die die Medikamente weiter einnahmen. Nur 11,8 % erlitten einen Rückfall – eine Rate, die mit der Rate der Patienten vergleichbar ist, die weiterhin die volle Dosis Antipsychotika einnahmen. (5)
Er schreibt: „Nach Abklingen der Positivsymptome können antidopaminerge Medikamente mehr schaden als nützen, es sei denn, sie sind notwendig, um bei anfälligen Patienten eine Störung des Dopamins zu verhindern: Wir müssen in jedem Einzelfall die niedrigste antipsychotische Dosis finden, die ein Wiederauftreten der Positivsymptome verhindert.“(4)
Aus diesem Grund, so Wunderink, sei ein langsames Ausschleichen erforderlich, um dem Gehirn Zeit zu geben, sich an die unterschiedlichen Dopaminspiegel zu gewöhnen.
Wunderink schreibt: „Wir verstehen die wichtigsten Mechanismen, die Psychosen und Rückfälle verursachen, noch immer nicht. Auch können wir nicht vorhersagen, wer nach Abklingen der Psychose von Antipsychotika abhängig ist und wer nicht. Dies zu akzeptieren ist wichtig, aber vielleicht noch wichtiger ist es, mit den Patienten zusammenzuarbeiten und zu versuchen, für jeden einzelnen Menschen, der mit einer Psychose zu kämpfen hat, die beste individuelle Behandlung zu finden.“ (4)
Studien und Quellen
(1) https://www.madinamerica.com/2023/09/what-t…iscontinuation/
(2) Antipsychotic dose reduction and discontinuation versus maintenance treatment in people with schizophrenia and other recurrent psychotic disorders in England (the RADAR trial): an open, parallel-group, randomised controlled trial. Prof Joanna Moncrieff MD et al., 2023
(3) Recovery in remitted first-episode psychosis at 7 years of follow-up of an early dose reduction/discontinuation or maintenance treatment strategy: long-term follow-up of a 2-year randomized clinical trial. Lex Wunderink et al., 2013
(4) Changing vistas of psychosis and antipsychotic drug dosing toward personalized management of antipsychotics in clinical practice. Lex Wunderink, 2024
(5) Guided antipsychotic reduction to reach minimum effective dose (GARMED) in patients with remitted psychosis: a 2-year randomized controlled trial with a naturalistic cohort. Chen-Chung Liu 1,2,✉, Ming H Hsieh 1,2, Yi-Ling Chien 1,2, Chih-Min Liu 1,2, Yi-Ting Lin 1,2, Tzung-Jeng Hwang 1,2, Hai-Gwo Hwu, 2023
(6) https://www.madinamerica.com/2013/08/long-t…ollow-up-study/
(7) Twenty-year effects of antipsychotics in schizophrenia and psychotic affective disorders. Psychological Medicine, Harrow M, Jobe TH, Tong L., 2021