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ERKRANKUNG UND GESUNDUNG |
Stress - Auslöser für Psychosen und Verstärker von Symptomen?
| Kurzfassung |

| Die Rolle von Stress beim Ausbruch oder Rückfall in eine Psychose ist mittlerweile allgemein anerkannt. Über soziale Stressoren wurde häufig vor einer psychotischen Episode berichtet und dem Ausbruch einer Psychose gehen tendenziell viele stressige Ereignisse voraus. Es wurde festgestellt, dass mehrere soziale Stressfaktoren z.B. zwischenmenschliche Konflikte und Umzug die Rückfälle von Psychosen erhöhen. (2)
Psychosen sind mit einem hohen Rückfallrisiko verbunden - 30 % der Erkrankten erleiden einen Rückfall innerhalb eines Jahres nach einer ersten Episode. Ein Schutz vor Stress kann eine wichtige vorbeugende Maßnahme sein.
Es ist grob zu unterscheiden zwischen Menschen mit einer einmaligen stressbedingten Psychose, auch Belastungspsychose genannt und schizophren Erkrankten, die meist durch ein Kindheitstrauma vorbelastet und besonders verletzlich sind und mehrer Psychosen durch einzelne Stresssituationen oder chronischen Stress erleben. Hier beschreibt das „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“ für Schizophrenie den Zusammenhang zwischen Stress und Psychosen.
1. Hohes Stressniveau und "Belastungspsychose"
Extreme Lebensereignisse wie Trauerfälle, Unfälle, Gewalt oder sexuelle Übergriffe können selbst bei Menschen ohne Vorbelastung oder chronische Vorerkrankung eine sogenannte kurzzeitige psychotische Störung (auch Belastungspsychose) auslösen.
Also ein hohes Stressniveau allein – wie belastende Ereignisse, bedeutende Lebensveränderungen oder chronische Belastung – kann die Bewältigungsfähigkeit eines Individuums überfordern und einen vorübergehenden Realitätsverlust auslösen. Starker Stress, oft verbunden mit Schlafmangel, begünstigt das Auftreten sogenannter stressbedingter Psychosen.
Eine rein stressbedingte Psychose ist oft vorübergehend und kann abklingen, sobald der Stressfaktor nachlässt, wobei die Dauer von wenigen Tagen bis zu einem Monat variieren kann. Eine stressbedingte Psychose wird manchmal auch kurze psychotische Störung genannt. Eine stressbedingte Psychose ohne Vorbelastung (z.B. Kindheitstrauma) kann oftmals ein einmaliges Ereignis bleiben, wenn zukünftig für ausreichend Schutz vor zu viel Stress gesorgt wird.
Psychosozialer Stress und Rückfall
Psychosozialer Stress ist ein potenzieller sozialer Risikofaktor für einen Psychoserückfall, der zunehmend an Bedeutung gewinnt. Er wird als emotionale, physische und psychische Reaktion auf soziale Stressoren definiert.
Soziale Stressoren lassen sich in drei Kategorien einteilen:
- chronische Stressoren (z. B. Langzeitarbeitslosigkeit)
- Lebensereignisse (z. B. Obdachlosigkeit) und
- kleinere alltägliche Ärgernisse (z. B. beleidigende Kommentare)
2. Vorbelastung und Stress
Der Zusammenhang von Stress und Psychose wird oft auch im Rahmen eines „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“-Modells beschrieben. Jeder Mensch besitzt eine individuelle biologische oder psychische Empfindlichkeit gegenüber Belastungen. Übersteigt das aktuelle Stressniveau (z. B. durch Trennung oder Arbeitsplatzverlust) diese persönliche Belastungsgrenze, kann eine Psychose ausgelöst werden. Umweltstress wirkt als „zweiter Treffer“, der eine latente, genetisch bedingte Anfälligkeit (den „ersten Treffer“) aktiviert.
3. Kindheitstrauma als Vorbelastung
Insbesondere Kindheitstraumata als Vorbelastung werden im „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“ mit einem erhöhten Risiko für stressbedingte Psychosen in Verbindung gebracht. Belastende Lebensereignisse können bei so vorbelasteten und gefährdeten Personen eine erste psychotische Episode und Schizophrenie auslösen, wobei 80% dieser Patienten von einem oder mehreren negativen Ereignissen berichten. (1)
Insbesondere sexueller, physischer und emotionaler Missbrauch in Kindheit und Jugend, physische/emotionale Vernachlässigung, Trennung und Heimunterbringung traten in der Gruppe mit Erstpsychosen bis zu 20-mal häufiger auf. Darüber hinaus stieg mit jedem zusätzlichen negativen Ereignis das Psychoserisiko um das 2,5-fache. (2)
Chronische Belastung
Eine Belastung durch dauerhaften psychosozialen Stress, z.B. in der Familie oder Beziehung, ist mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine Psychose verbunden. Psychosozialer Stress kann sowohl zu den positiven Symptomen (z. B. Halluzinationen) als auch zu den negativen Symptomen (z. B. sozialer Rückzug) der Schizophrenie beitragen. Die wiederholte Belastung mit starken Stressfaktoren kann zu einer Verhaltenssensibilisierung führen, und auch bei weniger starken Belastungen emotionale und psychotische Reaktionen verstärken.
4. Stress - Verschlechterung von Symptomen
Bei Personen, die bereits an einer Psychose oder Schizophrenie erkrankt sind, führt Stress oft zu einer Verschlimmerung der positiven Symptomatik, wie Stimmenhören oder Verfolgungsideen. Psychotische Symptome selbst erzeugen oft weiteren Stress (z. B. durch soziale Ausgrenzung oder Angst), was negative Symptome wiederum verstärken kann.
Chronischer Stress beeinträchtigt Gedächtnis, Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen negativ und verschlimmert die kognitiven Defizite, die bei vielen Menschen mit psychotischen Störungen bereits vorhanden sind. Menschen mit Schizophrenie erleben oft ein höheres Stressniveau und entwickeln eine Überempfindlichkeit gegenüber Stress, sodass selbst geringfügiger Alltagsstress Symptome auslösen kann.
5. Stress - Auslöser für einen Rückfall
Bei Personen, bei denen bereits Erkrankungen wie Schizophrenie diagnostiziert wurden, stehen hohe Stressbelastungen in direktem Zusammenhang mit einem Rückfall. Chronischer psychosozialer Stress ist einer der Hauptfaktoren für Rückfälle und erneute Klinikeinweisungen. Wiederholter Stress kann das Gehirn "sensibilisieren", sodass in Zukunft bereits geringere Belastungen ausreichen, um schwere Symptome hervorzurufen. |
1. Psychosozialer Stress - Verstärkung der Symptome und Erhöhung des Rückfallrisikos?
Die erste große Studie, die den möglichen Zusammenhang zwischen dem Erleben von Stressereignissen und Schizophrenie untersuchte, wurde 1968 durchgeführt (Brown & Birley ). In dieser Studie wurde berichtet, dass Schizophreniepatienten in den drei Monaten vor einem Rückfall mehr Stressereignisse erlebten als Kontrollpersonen. In den drei Wochen vor dem Rückfall erlebten 50 % der Patienten mindestens ein Stressereignis, verglichen mit 10 % in einem Zeitraum von drei Monaten davor. Dies legte einen möglichen Zusammenhang zwischen den Lebensereignissen und dem Ausbruch der Psychose nahe.
Einige Jahre später konnten diese Befunde bestätigt werden und es wurde ein Übermaß an belastenden Lebensereignissen in den sechs Monaten vor dem Rückfall im Vergleich zur psychisch gesunden Allgemeinbevölkerung festgestellt. Es entstand das Vulnerabilitäts-Stress-Modell für Schizophrenie.
2. Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell
Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell gibt Aufschluss über die Verletzlichkeit eines Menschen und die damit zusammenhängende Anfälligkeit für eine psychische Erkrankung.
Zu den psychologischen Folgen von psychosozialem Stress gehören:
- verringertes Selbstwertgefühl und Motivation
- verstärkte negative Gefühlsregungen (Affekte)
- Aggression und Rückzug aus sozialen Situationen
Das Modell geht davon aus, dass die bio-psycho-soziale Verletzlichkeit, also biologische, psychologische und soziale Risikofaktoren einer Person mit Stress interagiert, der durch verschiedene Lebenserfahrungen verursacht wird und zu Erkrankungen wie Depressionen, Angstzuständen sowie Psychosen führt.
Daher muss eine Person mit hoher biopsychosozialer Verletzlichkeit nur ein geringes Maß an innerem oder äußerem Stress erfahren, um eine Psychose zu entwickeln, während im Gegensatz dazu eine Person mit einem insgesamt geringen Maß an biopsychosozialer Verletzlichkeit ein hohes Maß an Stress erfahren muss, damit die Krankheit ausbricht. (2)
3. Expressed-Emotion-Konzept
Das Expressed Emotion-Konzept ist eine Theorie, die davon ausgeht, dass Angehörige durch das emotionale Klima einen entscheidenden Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben.
In einem Testverfahren kann ermittelt werden, ob die Angehörigen einem high-expressed-emotion- oder low-expressed-emotion-Status angehören.
High-Expressed-Emotions bedeutet dabei, dass die Familienangehörigen gegenüber dem Patienten übermäßig häufig Kritik äußern, Feindseligkeiten zeigen oder von einem emotionalen Überengagement gekennzeichnet sind. Der ungünstige Einfluss von high-expressed-emotions auf die Rückfallquote von Schizophrenie wurde in einer Reihe von Studien nachgewiesen.
4. Verhaltens-Sensibilisierung
Verhaltens-Sensibilisierung ist als möglicher Mechanismus zur Erklärung der Beziehung zwischen Stress und Psychosesymptomen vorgeschlagen worden. Diese Annahme besagt, dass sich ansammelnde Belastungen durch Umwelteinflüsse eine erhöhte Stressempfindlichkeit und verstärkte emotionale Reaktionen auf ähnliche Stressfaktoren, die später erlebt werden, hervorrufen.
Tatsächlich wurde festgestellt, dass frühe Traumata und Lebensereignisse zu einer erhöhten Stressempfindlichkeit im Erwachsenenalter beitragen und dass Patienten mit Psychosen im Vergleich zu Kontrollpersonen mit intensiveren Emotionen auf wahrgenommenen Stress im täglichen Leben reagieren, was das Konzept der Verhaltens-Sensibilisierung stützt. (2)
5. Kindheitstrauma, Stress, erhöhte Dopaminproduktion und Gehirnveränderungen
Im Vergleich zu Kontrollpersonen wiesen Patienten mit Schizophrenie ein höheres Maß an Kindheitstraumata und wahrgenommenem Stress auf.
Studien beobachteten vorläufige Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Kindheitstraumata und erhöhter Dopaminfreisetzung. Stressige Lebensereignisse oder anderen sozialen Stressfaktoren waren teilweise ebenfalls mit einer veränderten Dopaminfunktion verbunden. Eine erhöhte Dopaminproduktion hat positive Symptome in einer Psychose zu Folge. (3)
Die Schwere des Kindheitstrauma bestimmte signifikant die Schwere der klinischen Symptome, Depressionen, wahrgenommenem Stress und Gehirnveränderungen. Wahrgenommener Stress korrelierte ebenfalls signifikant mit klinischen Symptomen, Depression und Gehirnveränderungen. Darüber hinaus wurde der Zusammenhang zwischen Kindheitstraumata, Stressbewältigungsfähigkeit und Gehirnveränderungen festgestellt. (3)
6. Psychischer Stress und Schwere der Symptome
Psychosozialer Stress wurde mit einer Zunahme positiver, negativer und depressiver Symptome in Verbindung gebracht und scheint in einer Dosis-Wirkungs-Beziehung aufzutreten, denn je höher das erlebte psychosoziale Stressniveau ist, desto größer ist sein Einfluss auf die Schwere der Symptome.
Außerdem wurde festgestellt, dass Personen mit hohem Psychoserisiko im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen durch stressige Ereignisse signifikant stärker belastet sind und dass die Beurteilung dieser Ereignisse unterschiedlich ausfällt. Denn nicht das Ereignis sondern die beigemessene Bedeutung entscheidet über die Auswirkung eines Stressors.
Es wurde auch festgestellt, dass Umweltrisiken additiv und zusammen mit Kindheitstraumata und stressigen Lebensereignissen wirken und zum Fortbestehen der Psychosesymptome beitragen. Auch eine wechselseitige Beziehung kann auftreten, insofern, als die Psychosesymptomatik auch unerwünschte zwischenmenschliche Reaktionen hervorrufen kann, die zu weiteren Erfahrungen von psychosozialem Stress führen. (1) (2)
7. Erhöhtes Psychose-Risiko durch psychosozialen Stress ?
Studien konnten einen signifikanten Zusammenhang zwischen erhöhtem psychosozialem Stress und einem erhöhten Risiko des Übergangs zur Psychose feststellen.
Eine stärkere Belastung durch psychosozialen Stress, emotionalen Missbrauch und wahrgenommene Diskriminierung erhöhte das Risiko des Übergangs zur Psychose bei Personen mit einem hohen Risiko für Psychosen im Vergleich zu Kontrollpersonen signifikant.
Personen mit Hochrisiko, die in eine Psychose übergingen, waren im Vergleich zu Personen ohne Psychose stärker Lebensereignissen und mit diesen Ereignissen verbundenen Belastungen ausgesetzt, während emotionaler Missbrauch das Risiko des Übergangs in eine Psychose um das 4-Fache erhöhte. Auch wahrgenommene Diskriminierung erhöhte das Übergangsrisiko und zwar um 52,4 % . (2)
Studien und Quellen
(1) Psychosocial stress, interpersonal sensitivity, and social withdrawal in clinical high risk for psychosis: a systematic review. A. Georgiades, A. Almuqrin, P. Rubinic, K. Mouhitzadeh, S. Tognin, and A. Mechelli, 2023
(2) The association between psychosocial stress, interpersonal sensitivity, social withdrawal and psychosis relapse: a systematic review. A. Almuqrin , A. Georgiades , K. Mouhitzadeh , P. Rubinic , A. Mechelli und S. Tognin, 2023
(3) Subcortical structures associated with childhood trauma and perceived stress in schizophrenia. Fengmei Fan, Shuping Tan , Shibo Liu , Song Chen, Junchao Huang, Zhiren Wang, Fude Yang, Chiang-Shan R Li, Yunlong Tan, 2023
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