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ERKRANKUNG UND GESUNDUNG |
Stress - Verstärker von Symptomen und Auslöser für Psychosen?
| Kurzfassung |
| Psychosen sind mit einem hohen Rückfallrisiko verbunden - 30 % der Erkrankten erleiden einen Rückfall innerhalb eines Jahres nach einer ersten Episode, 80% innerhalb von 5 Jahren.
Daher ist es wichtig gewisse Faktoren zu kennen, auf die Einfluss genommen werden kann. Die Rolle von Stress beim Ausbruch oder Rückfall in eine Psychose ist mittlerweile allgemein anerkannt. Psychosozialer Stress spielt bei Schizophrenie eine bedeutende Rolle. Er wirkt bei genetisch veranlagten Personen als auslösender Faktor und verschlimmert die Symptome während einer psychotischen Episode.
Auch Kindheitstraumata und anhaltende Stressfaktoren wie Diskriminierung werden mit einem erhöhten Risiko und negativen Folgen in Verbindung gebracht. Belastende Lebensereignisse können insbesondere bei gefährdeten Personen eine erste psychotische Episode bei Schizophrenie auslösen. Vorhandener Stress kann die psychotischen Symptome und den gesamten klinischen Verlauf der Störung verschlimmern. Die wiederholte Belastung mit starken Stressfaktoren kann zu einer Verhaltenssensibilisierung führen, die die Sensibilität einer Person gegenüber späteren, weniger starken Belastungen erhöht und ihre emotionalen und psychotischen Reaktionen verstärkt.
Eine stärkere Belastung durch psychosozialen Stress ist mit einer höheren Wahrscheinlichkeit des Übergangs in eine Psychose verbunden. Psychosozialer Stress kann sowohl zu den positiven Symptomen (z. B. Halluzinationen) als auch zu den negativen Symptomen (z. B. sozialer Rückzug) der Schizophrenie beitragen.
Trauma, negative Lebensereignisse und Psychose
Trauma und negative Lebensereignisse wurden wiederholt mit der Entwicklung einer ersten Episode einer Psychose in Verbindung gebracht, wobei 90% dieser Patienten von einem oder mehreren negativen Ereignissen berichten. (1)
Insbesondere sexueller, physischer und emotionaler Missbrauch in Kindheit und Jugend, physische/emotionale Vernachlässigung, Trennung und Heimunterbringung traten in der Gruppe mit Erstpsychosen bis zu 20-mal häufiger auf als in der Kontrollgruppe. Darüber hinaus stieg mit jedem zusätzlichen negativen Ereignis das Psychoserisiko um das 2,5-fache. (2)
Ebenso wurde festgestellt, dass Personen mit Hochrisiko für eine Psychose unabhängig vom Trauma signifikant mehr schwere negative Ereignisse erlebten als die Kontrollgruppe. Insbesondere berichteten diese Personen 5 mal so häufig von emotionalem Missbrauch, körperlichem Missbrauch und Mobbing.
Es ist jedoch klar, dass nicht jeder, der eine Psychose entwickelt, schwere Widrigkeiten wie Missbrauch, Vernachlässigung oder Trennung erlebt hat und dass auch andere Umweltfaktoren eine bedeutende Rolle spielen können.
Insbesondere
- psychosozialer Stress
- sozialer Rückzug
- zwischenmenschliche Sensibilität
erweisen sich als mögliche Faktoren, die zum Auftreten von Psychosen beitragen.
Psychosozialer Stress
Psychosozialer Stress ist ein potenzieller sozialer Risikofaktor für einen Psychoserückfall, der zunehmend an Bedeutung gewinnt. Er wird als emotionale, physische und psychische Reaktion auf soziale Stressoren definiert.
Soziale Stressoren lassen sich in drei Kategorien einteilen:
- chronische Stressoren (z. B. Langzeitarbeitslosigkeit)
- Lebensereignisse (z. B. Obdachlosigkeit) und
- kleinere alltägliche Ärgernisse (z. B. beleidigende Kommentare)
Über soziale Stressoren wurde häufig vor einer psychotischen Episode berichtet und dem Ausbruch einer offenen Psychose gehen tendenziell viele stressige Ereignisse voraus. Es wurde festgestellt, dass zwei soziale Stressfaktoren z. B. zwischenmenschliche Konflikte und Umzug die Rückfälle von Psychosen erhöhen. (2) |
Psychosozialer Stress - Verstärkung der Symptome und Erhöhung des Rückfallrisikos?
Die erste große Studie, die den möglichen Zusammenhang zwischen dem Erleben von Stressereignissen und Schizophrenie untersuchte, wurde 1968 durchgeführt (Brown & Birley ). In dieser Studie wurde berichtet, dass Schizophreniepatienten in den drei Monaten vor einem Rückfall mehr Stressereignisse erlebten als Kontrollpersonen. In den drei Wochen vor dem Rückfall erlebten 50 % der Patienten mindestens ein Stressereignis, verglichen mit 10 % in einem Zeitraum von drei Monaten davor. Dies legte einen möglichen Zusammenhang zwischen den Lebensereignissen und dem Ausbruch der Psychose nahe.
Einige Jahre später konnten diese Befunde bestätigt werden und es wurde ein Übermaß an belastenden Lebensereignissen in den sechs Monaten vor dem Rückfall im Vergleich zur psychisch gesunden Allgemeinbevölkerung festgestellt. Es entstand das Vulnerabilitäts-Stress-Modell für Schizophrenie.
a.) Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell
Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell gibt Aufschluss über die Verletzlichkeit eines Menschen und die damit zusammenhängende Anfälligkeit für eine psychische Erkrankung.
Zu den psychologischen Folgen von psychosozialem Stress gehören:
- verringertes Selbstwertgefühl und Motivation
- verstärkte negative Gefühlsregungen (Affekte)
- Aggression und Rückzug aus sozialen Situationen
Das Modell geht davon aus, dass die bio-psycho-soziale Verletzlichkeit, also biologische, psychologische und soziale Risikofaktoren einer Person mit Stress interagiert, der durch verschiedene Lebenserfahrungen verursacht wird und zu Erkrankungen wie Depressionen, Angstzuständen sowie Psychosen führt.
Daher muss eine Person mit hoher biopsychosozialer Verletzlichkeit nur ein geringes Maß an innerem oder äußerem Stress erfahren, um eine Psychose zu entwickeln, während im Gegensatz dazu eine Person mit einem insgesamt geringen Maß an biopsychosozialer Verletzlichkeit ein hohes Maß an Stress erfahren muss, damit die Krankheit ausbricht. (2)
b.) Expressed-Emotion-Konzept
Das Expressed Emotion-Konzept ist eine Theorie, die davon ausgeht, dass Angehörige durch das emotionale Klima einen entscheidenden Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben.
In einem Testverfahren kann ermittelt werden, ob die Angehörigen einem high-expressed-emotion- oder low-expressed-emotion-Status angehören.
High-Expressed-Emotions bedeutet dabei, dass die Familienangehörigen gegenüber dem Patienten übermäßig häufig Kritik äußern, Feindseligkeiten zeigen oder von einem emotionalen Überengagement gekennzeichnet sind. Der ungünstige Einfluss von high-expressed-emotions auf die Rückfallquote von Schizophrenie wurde in einer Reihe von Studien nachgewiesen.
c.) Verhaltens-Sensibilisierung
Verhaltens-Sensibilisierung ist als möglicher Mechanismus zur Erklärung der Beziehung zwischen Stress und Psychosesymptomen vorgeschlagen worden. Diese Annahme besagt, dass sich ansammelnde Belastungen durch Umwelteinflüsse eine erhöhte Stressempfindlichkeit und verstärkte emotionale Reaktionen auf ähnliche Stressfaktoren, die später erlebt werden, hervorrufen.
Tatsächlich wurde festgestellt, dass frühe Traumata und Lebensereignisse zu einer erhöhten Stressempfindlichkeit im Erwachsenenalter beitragen und dass Patienten mit Psychosen im Vergleich zu Kontrollpersonen mit intensiveren Emotionen auf wahrgenommenen Stress im täglichen Leben reagieren, was das Konzept der Verhaltens-Sensibilisierung stützt. (2)
d.) Kindheitstrauma, Stress, erhöhte Dopaminproduktion und Gehirnveränderungen
Im Vergleich zu Kontrollpersonen wiesen Patienten mit Schizophrenie ein höheres Maß an Kindheitstraumata und wahrgenommenem Stress auf.
Studien beobachteten vorläufige Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Kindheitstraumata und erhöhter Dopaminfreisetzung. Stressige Lebensereignisse oder anderen sozialen Stressfaktoren waren teilweise ebenfalls mit einer veränderten Dopaminfunktion verbunden. Eine erhöhte Dopaminproduktion hat positive Symptome in einer Psychose zu Folge. (3)
Die Schwere des Kindheitstrauma bestimmte signifikant die Schwere der klinischen Symptome, Depressionen, wahrgenommenem Stress und Gehirnveränderungen. Wahrgenommener Stress korrelierte ebenfalls signifikant mit klinischen Symptomen, Depression und Gehirnveränderungen. Darüber hinaus wurde der Zusammenhang zwischen Kindheitstraumata, Stressbewältigungsfähigkeit und Gehirnveränderungen festgestellt. (3)
e.) Psychischer Stress und Schwere der Symptome
Psychosozialer Stress wurde mit einer Zunahme positiver, negativer und depressiver Symptome in Verbindung gebracht und scheint in einer Dosis-Wirkungs-Beziehung aufzutreten, denn je höher das erlebte psychosoziale Stressniveau ist, desto größer ist sein Einfluss auf die Schwere der Symptome.
Außerdem wurde festgestellt, dass Personen mit hohem Psychoserisiko im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen durch stressige Ereignisse signifikant stärker belastet sind und dass die Beurteilung dieser Ereignisse unterschiedlich ausfällt. Denn nicht das Ereignis sondern die beigemessene Bedeutung entscheidet über die Auswirkung eines Stressors.
Es wurde auch festgestellt, dass Umweltrisiken additiv und zusammen mit Kindheitstraumata und stressigen Lebensereignissen wirken und zum Fortbestehen der Psychosesymptome beitragen.
Auch eine wechselseitige Beziehung kann auftreten, insofern, als die Psychosesymptomatik auch unerwünschte zwischenmenschliche Reaktionen hervorrufen kann, die zu weiteren Erfahrungen von psychosozialem Stress führen. (1) (2)
f.) Erhöhtes Psychose-Risiko durch psychosozialen Stress ?
Studien konnten einen signifikanten Zusammenhang zwischen erhöhtem psychosozialem Stress und einem erhöhten Risiko des Übergangs zur Psychose feststellen.
Eine stärkere Belastung durch psychosozialen Stress, emotionalen Missbrauch und wahrgenommene Diskriminierung erhöhte das Risiko des Übergangs zur Psychose bei Personen mit einem hohen Risiko für Psychosen im Vergleich zu Kontrollpersonen signifikant.
Personen mit Hochrisiko, die in eine Psychose übergingen, waren im Vergleich zu Personen ohne Psychose stärker Lebensereignissen und mit diesen Ereignissen verbundenen Belastungen ausgesetzt, während emotionaler Missbrauch das Risiko des Übergangs in eine Psychose um das 4-Fache erhöhte. Auch wahrgenommene Diskriminierung erhöhte das Übergangsrisiko und zwar um 52,4 % . (2)
Studien und Quellen
(1) Psychosocial stress, interpersonal sensitivity, and social withdrawal in clinical high risk for psychosis: a systematic review. A. Georgiades, A. Almuqrin, P. Rubinic, K. Mouhitzadeh, S. Tognin, and A. Mechelli, 2023
(2) The association between psychosocial stress, interpersonal sensitivity, social withdrawal and psychosis relapse: a systematic review. A. Almuqrin , A. Georgiades , K. Mouhitzadeh , P. Rubinic , A. Mechelli und S. Tognin, 2023
(3) Subcortical structures associated with childhood trauma and perceived stress in schizophrenia. Fengmei Fan, Shuping Tan , Shibo Liu , Song Chen, Junchao Huang, Zhiren Wang, Fude Yang, Chiang-Shan R Li, Yunlong Tan, 2023
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