ERKRANKUNG UND GESUNDUNG | Die Negativsymptome: Können Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug Risikofaktoren für Psychosen sein?
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Science -
2. April 2026 um 02:00 -
842 Mal gelesen
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ERKRANKUNG UND GESUNDUNG |
Die Negativsymptome: Können Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug Risikofaktoren für Psychosen sein?
| Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug werden häufig bei Menschen mit Psychose beobachtet. Einige Studien berichten von einer doppelt so hohen Häufigkeitsrate in Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Dies kann die psychische Gesundheit erheblich beeinträchtigen, die Symptome verschlimmern und die Genesung behindern.
Insbesondere wurde ein sozialen Rückzugs mit einer höheren Wahrscheinlichkeit des Übergangs zu einer Psychose in Verbindung gebracht. Es wurde vermutet, dass sozialer Rückzug sowohl deren Ausbruch vorausgeht als auch eine Folge der Störung ist.
Freudlosigkeit (Anhedonie)
Anhedonie – die verminderte Fähigkeit, Freude zu empfinden – gilt als bedeutender Risikofaktor, zentrales Negativsymptom und Vorhersagevariable für Psychosen. Es tritt häufig in der vorpsychotischen Phase auf und wird als Merkmal für die Anfälligkeit für Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum betrachtet.
Wichtige Zusammenhänge zwischen Anhedonie und Psychoserisiko
Erhöhte Freudlosigkeit, insbesondere im sozialen Bereich, sind stark mit dem Übergang von einem „Hochrisiko“-Zustand zu einer voll ausgeprägten Psychose verbunden.
Antriebslosigkeit (Avolition)
Antriebslosigkeit wird oft fälschlicherweise für Depression oder Faulheit gehalten, unterscheidet sich aber dadurch, dass es sich um die Unfähigkeit handelt, trotz des Wunsches zu handeln, und nicht nur um mangelndes Interesse.
Ein schwerer Mangel an Motivation oder Fähigkeit, zielgerichtete Aktivitäten zu zu beginnen und fortzusetzen, ist nicht nur ein ein zentrales Negativsymptom sondern auch Vorhersagevariable für Psychosen. Obwohl es häufig vor Positivsymptomen wie Halluzinationen oder Wahnvorstellungen auftritt, wird es zunehmend als wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung einer Psychose anerkannt.
Durch den Mangel an Initiative ziehen sich Betroffene oft aus sozialen Kontakten zurück, was den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen kann. Antriebslosigkeit ist eng mit einer Verschlechterung der sozialen und rollenbezogenen Funktionsfähigkeit verknüpft, was wiederum eine größerer Wahrscheinlichkeit eine Psychose vorhersagt.
Sozialer Rückzug
Menschen mit einem Hochrisiko für Psychosen zeigen einen höheren Grad an sozialem Rückzug, der mit verstärkten Symptomen wie positiven und negativen Symptomen, verringerter psychosozialer und beruflicher Funktionsfähigkeit und vermehrten Selbstmordgedanken und Substanzmissbrauch verbunden ist. Diese Verhaltensweisen wiederum können zur Entstehung und Fortbestehen der Psychosesymptomatik beitragen.
Es geht um einen Rückzug aus sozialen Interaktionen und Beziehungen, oft begleitet von Distanz und mangelndem Interesse an anderen. Sozialer Rückzug gilt neben Affektflaute (verminderter Gefühlsausdruck), Avolition (Antriebslosigkeit) und Alogia (Spracharmut) als eines der Negativsymptome bei Psychosen und Schizophrenie.
Es kann sich dabei um eine Verhaltensreaktion auf Ängste, Paranoia und andere Symptome einer Psychose handeln, die dazu führt, dass sich die Betroffenen isolieren, um mit wahrgenommenen Bedrohungen oder Unbehagen in sozialen Situationen fertig zu werden.
Soziale Isolation kann Psychosesymptome verschlimmern
Soziale Isolation kann Psychosesymptome verschlimmern, Einsamkeit verstärken und die Genesung behindern. Sie kann auch zu einem Rückgang der sozialen und beruflichen Leistungsfähigkeit führen. Soziale Situationen können für Menschen mit Psychose Stress und Angst auslösen. Der Glaube, dass andere gefährlich sind oder schädliche Absichten haben, kann dazu führen, dass soziale Situationen vermieden werden. Eine verminderte Motivation und Freude an sozialen Aktivitäten kann es schwierig machen, Beziehungen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten. Schwierigkeiten mit der sozialen Wahrnehmung, wie etwa das Verstehen sozialer Signale oder Emotionen, können ebenfalls Interaktionen zu einer Herausforderung machen.
Bewältigung von sozialen Rückzug und Einsamkeit kann Psychosen verhindern
Das frühzeitige Erkennen und die Bewältigung von sozialen Rückzug, kann eine weitere Isolation verhindern und Symptome verbessern.. Das soziale Umfeld ist eine Unterstützung bei aufkommenden Wahnvorstellungen und kann der Realitätsprüfung zugute kommen, da sie durch Rückmeldung die Intensität von Wahnvorstellungen und Halluzinationen abschwächen und so die Einsicht einer anbahnenden Psychose verbessern kann. Denn wenn Wahnvorstellungen und Halluzinationen unhinterfragt bleiben, können sie sich verstärken und die Belastung verschlimmern.
Verschiedene Therapien, darunter kognitive Verhaltenstherapie und Training sozialer Kompetenzen, können den Betroffenen dabei helfen, ihre Symptome zu bewältigen, ihr soziales Verhalten zu verbessern und die soziale Isolation zu verringern. Der Aufbau eines starken sozialen Unterstützungsnetzwerks durch Freunde, Familie oder Selbsthilfegruppen kann dazu beitragen, dass sich der Einzelne weniger allein und stärker verbunden fühlt. Es ist wichtig zu erkennen, dass Personen mit Psychosen unterschiedliche Gründe für ihren sozialen Rückzug haben können (aktiv vs. passiv) und dass die Interventionen auf ihre spezifischen Bedürfnisse zugeschnitten sein sollten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sozialer Rückzug und Einsamkeit bei Menschen mit Psychose erhebliche Probleme darstellen und sowohl den Ausbruch als auch den Verlauf der Erkrankung beeinflussen. Ein umfassender Ansatz zur Bewältigung von Einsamkeit, einschließlich gezielter Interventionen und eines tieferen Verständnisses der individuellen Erfahrungen, ist für die Förderung der Genesung und die Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens unerlässlich. |
1. Sozialer Rückzug - Verstärkung von Symptomen und Erhöhung des Rückfallrisikos?
Sozialer Rückzug kann als Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen definiert werden, der normalerweise mit Gleichgültigkeit und Distanziertheit begleitet wird.
Bereiche die sozialen Rückzug beschreiben sind:
- zwischenmenschliches Verhalten
- soziale Erreichbarkeit/Isolation
- Beziehungen zu Gleichaltrigen
- Fähigkeit, außerhalb der Kernfamilie zu funktionieren
- soziales Engagement
- Beschäftigung/Beruf
- Fähigkeit, enge soziosexuelle Bindungen aufzubauen
Soziale Vermeidung/Rückzug kann die Folge gescheiterter Versuche sozialer Interaktion sein oder bereits vor der Erkrankung vorhanden sein. Ungünstiges Feedback aus sozialen Interaktionen kann zu sozialer Vermeidung führen, um unangenehme Gefühle zu vermeiden.
Außerdem können akustische und/oder visuelle Halluzinationen die Fähigkeit, sich an einem Gespräch zu beteiligen und diesem zu folgen, direkt beeinträchtigen, was belastend sein und sich negativ auf das Selbstwertgefühl auswirken kann. Menschen mit psychotischem Erleben können sich daher entscheiden, soziale Situationen zu vermeiden, um erwartete Peinlichkeiten und Ablehnung durch andere zu umgehen.
Soziale Unterstützung hingegen kann sich auf verschiedene positive Weise stark auf das Wohlbefinden auswirken, beispielsweise durch Steigerung des Selbstwertgefühls, Verbesserung des Selbstvertrauens, Gelegenheit zu neuen Erfahrungen, Stressabbau und Vorbeugung von Einsamkeit. Andererseits kann das Fehlen sozialer Netzwerke zu sozialer Isolation, schlechter psychosozialer Funktionsfähigkeit und einer Zunahme negativer Gedanken und Gefühle führen. (1) (2)
Sozialer Rückzug führt häufig zu:
- sozialer Isolation und Einsamkeit
- Verlust von Unterstützung
- gestörter Schlafhygiene
- Stimmungsstörungen
- Substanzmissbrauch
- psychotische Störungen
- Entwicklung sonstiger psychiatrischer Erkrankungen, wie Depressionen und Ängste
2. Psychotisches Erleben als Folge des sozialen Rückzugs?
Studien berichteten von einem höheren Grad an sozialem Rückzug bei Personen mit Psychose-Hochrisiko im Vergleich zu Kontrollpersonen.
Es wurde angenommen, dass der Mangel an sensorischer Stimulation durch soziale Kontakte aufgrund der Überkompensation des Nervensystems zu einer Zunahme halluzinatorischer Erfahrungen beitragen kann.
Das soziale Umfeld ist eine Unterstützung bei aufkommenden Wahnvorstellungen und kann der Realitätsprüfung zugute kommen, da sie durch Rückmeldung die Intensität von Wahnvorstellungen und Halluzinationen abschwächen und so die Einsicht einer anbahnenden Psychose verbessern kann. Denn wenn Wahnvorstellungen und Halluzinationen unhinterfragt bleiben, können sie sich verstärken und die Belastung verschlimmern.
Sozialer Rückzug führt also zu einem Mangel an sozialer Unterstützung, die hilfreich wäre um Wahnvorstellungen und Halluzinationen entgegentreten zu könnten, und so indirekt eine größere Realitätsentfernung verursacht. (2)
Es wurden Zusammenhänge zwischen sozialem Rückzug und negativen Symptomen festgestellt. Der Zusammenhang könnte auf die Ähnlichkeiten in seinen Merkmalen zurückzuführen sein. Sozialer Rückzug wird als Folge mangelnder Motivation für soziale Interaktionen angesehen, die eines der negativen Symptome ist. (2)
Erhöhtes Psychose-Risiko durch sozialen Rückzug ?
Tatsächlich wurde ein höherer Grad des sozialen Rückzugs mit einer höheren Wahrscheinlichkeit des Übergangs zu einer Psychose in Verbindung gebracht. Es wurde vermutet, dass sozialen Rückzug deren Ausbruch vorausgeht, oder/und dass es eine Folge der Störung ist.
Im Vergleich zu Kontrollpersonen zeigen Personen mit einem Hochrisiko für Psychosen einen höheren Grad an sozialem Rückzug, der mit verstärkten Symptomen wie positiven und negativen Symptomen, verringerter psychosozialer und beruflicher Funktionsfähigkeit und vermehrten Selbstmordgedanken und Substanzmissbrauch verbunden ist. Diese Verhaltensweisen wiederum können zur Entstehung und Fortbestehen der Psychosesymptomatik beitragen.
Sozial zurückgezogene Hochrisiko-Personen erkennen ihre sich entwickelnde Krankheit und den Behandlungsbedarf schwerer oder gar nicht, was sich negativ auf die Entwicklung der Symptome auswirkt.
Eine fehlende soziale Unterstützung ist auch mit einer längeren Dauer von Psychose verbunden. Denn ein enger Freund oder ein unterstützendes familiäres Umfeld können eine zeitnahe Erkennung von Verhaltensänderungen und einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit erleichtern, was dann eine sofortige Inanspruchnahme von Diensten und den Beginn einer Behandlung nach sich ziehen kann. (2)
3. Famous with Schizophrenia: Edgar Allan Poe über Einsamkeit und Isolation
Zitat"Ich blieb zu viel in meinem Kopf und verlor schließlich den Verstand“ - Edger Allen Poe
Das Zitat unterstreicht, dass übermäßiges Verweilen in den eigenen Gedanken zu einer Abkopplung von der Realität und einem Verlust der geistigen Klarheit führen kann. Dies kann eine häufige Erfahrung für Menschen sein, die einsam sind oder sich isoliert fühlen, da sie sich in ihre eigenen Gedanken zurückziehen, um mit ihren Gefühlen der Einsamkeit umzugehen.
Edgar Allan Poes Werke behandeln oft Themen wie Einsamkeit, Isolation und psychische Erkrankungen, einschließlich Psychosen. Poe erlebte erhebliche persönliche Verluste, darunter den Tod seiner Mutter, seiner Pflegemutter und seiner Frau Virginia. Diese Erfahrungen beeinflussten wahrscheinlich seine Auseinandersetzung mit Trauer, Verlust und seelischer Qual in seinen Schriften und war ein Grund seiner schizophrenen Erkrankung.
(Siehe Artikel: FAMOUS WITH SCHIZOPHRENIA | "Ich wurde wahnsinnig, mit langen Phasen schrecklicher Vernunft." Edgar Allen Poe)
Studien und Quellen
(1) Psychosocial stress, interpersonal sensitivity, and social withdrawal in clinical high risk for psychosis: a systematic review. A. Georgiades, A. Almuqrin, P. Rubinic, K. Mouhitzadeh, S. Tognin, and A. Mechelli, 2023
(2) The association between psychosocial stress, interpersonal sensitivity, social withdrawal and psychosis relapse: a systematic review. A. Almuqrin , A. Georgiades , K. Mouhitzadeh , P. Rubinic , A. Mechelli und S. Tognin, 2023
(3) Subcortical structures associated with childhood trauma and perceived stress in schizophrenia. Fengmei Fan, Shuping Tan , Shibo Liu , Song Chen, Junchao Huang, Zhiren Wang, Fude Yang, Chiang-Shan R Li, Yunlong Tan, 2023