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EXPERTEN IM GESPRÄCH |
Sind psychische Erkrankungen nur ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn ? Können Psychopharmaka dieses beheben ?
Die Vorstellung, das psychische Erkrankungen, wie Schizophrenie oder Depressionen durch ein simples „chemisches Ungleichgewicht“ verursacht werden, ist eine zu starke Vereinfachung. Forschungsergebnisse deuten nämlich auf komplexe Wechselwirkungen zwischen Botenstoffen hin, anstatt dass lediglich der Spiegel einer einzelnen Substanz „aus dem Gleichgewicht“ ist.
Starke chemische Ungleichgewichte ergeben sich hingegen bei einer längeren Einnahme von Psychopharmaka, die sich insbesondere beim Absetzen durch Symptome, wie Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen, Angst, Reizbarkeit bis hin zu Absetz-Psychosen oder Absetz-Depressionen zeigen. Prof. Dr. John Reed zu einem angeblichen chemischem Ungleichgewicht bei Schizophrenie:
"Schizophrenie ist nicht das, was die Psychiatrie als biologische Störung bezeichnet. Es handelt sich nicht um ein chemisches Ungleichgewicht. Die Dopamintheorie, die seit den 1950er Jahren existiert, wurde nie bewiesen. Die Idee ist, dass Menschen mit Schizophrenie oder Psychose ein überaktives Dopaminsystem haben, wie Sie wissen.
Aber wenn man Studien mit Menschen durchführt, die nie Antipsychotika eingenommen haben, gibt es keinen Unterschied. Es gibt kein überaktives Dopaminsystem. Die einzige Gruppe von Menschen, und das betrifft leider die meisten Menschen mit dieser Diagnose, die ein überaktives Dopaminsystem haben, sind Menschen mit Schizophrenie oder Psychose die Medikamente bekommen – und das muss man etwas erklären, und es ist etwas bizarr –, aber seit den 1970er Jahren wissen wir, dass Antipsychotika das Dopaminsystem blockieren und das Gehirn dann darauf reagiert.
Mit anderen Worten: Die Rezeptoren in den Gehirnzellen versuchen, mehr Dopamin zu produzieren, um die Blockade zu überwinden. Auf der anderen Seite der Synapse produziert das Gehirn sehr geschickt mehr Dopaminrezeptoren, um diese künstliche und schädliche Blockade auszugleichen. Dadurch entsteht ein überaktives Dopaminsystem, bei dem das Gehirn versucht, Dopamin durchzupumpen, und immer mehr und größere Dopaminrezeptoren entstehen. Deshalb kommt es natürlich zu einem massiven Dopaminüberschuss, wenn man das Medikament absetzt – später vielleicht zu Entzugserscheinungen (wie zum Beispiel eine Absetzpsychose).
Das ist jetzt etwas umständlich, aber es gibt keine Beweise dafür, dass Dopamin eine Rolle spielt, genauso wenig wie Serotonin eine Rolle bei Depressionen spielt. Das sind im Grunde Theorien, die von der Pharmaindustrie finanziert und von der biologischen Psychiatrie unkritisch übernommen wurden. Sie haben keine faktische Grundlage und sind sehr schädlich, denn wenn man sie den Menschen vermittelt, kann das schwerwiegende Folgen haben. Man verwandelt sie in etwas, von dem Sie glauben, dass mit ihrem Gehirn etwas nicht stimmt, was, abgesehen davon, dass es falsch ist, faktisch sehr verletzend ist, jemandem so etwas zu sagen.
Es ist, als würde ich sagen: „Joseph, all deine Probleme kommen daher, dass es ein bestimmtes Problem mit deinem Gehirn gibt, das leider nicht wirklich behebbar ist. Wir können versuchen, es künstlich wieder in den Normalzustand zu versetzen, wir können den Rest deines Lebens damit verbringen, mit Medikamenten zu jonglieren, um es zu korrigieren, aber es ist einfach etwas mit deinem Gehirn nicht in Ordnung, mit dem du den Rest deines Lebens leben musst." Und dann wundern wir uns, warum die Leute nicht gesund werden, wenn man ihnen diese Botschaft beibringt. Das ist also der faktische Teil und dann der verletzende Teil. Das ist es, was es ist." (1)
Was bei der Gabe von Antidepressiva im Gehirn geschieht, beschreibt Stephen Hyman, ein bekannter Neurowissenschaftler. Ihm zufolge reagiert das Gehirn auf die chemische Manipulation von außen, indem es seine normalen Funktionen verändert und sich an die Psychopharmakawirkung anpasst.
"Das Gehirn versucht die Blockade der normalen Serotonin-Wiederaufnahme tatsächlich auszugleichen, soweit ist das übereinstimmend mit der These der Pharmaindustrie. Allerdings reagiert das Gehirn entgegensetzt, es produziert nicht mehr, sondern weniger »Serotonin-Rezeptoren«, indem es den Serotonin-Ausstoß verringert. Wer ein Antidepressivum einnimmt, hat am Ende also eine anormal niedrige Zahl von »Serotonin-Rezeptoren« im Gehirn. Diese Medikamente machen aus einem gesunden ein krankhaftes Gehirn."
Quelle
(1) Minute 7.22
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