
.
FAMOUS WITH SCHIZOPHRENIA |
Georg Trakl: "Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden"
Georg Trakl war ein österreichischer Dichter des Expressionismus. Er litt unter schweren psychischen Problemen, darunter Depressionen, Angstzuständen und psychotischen Störungen. Er war abhängig von Alkohol, Chloroform und später Kokain, Substanzen, die alle Psychosen oder psychoseähnliche Episoden auslösen können.
Seine düsteren, visionären Gedichte mit Themen wie Verfall, Tod und Zerfall werden oft mit seiner inneren Zerrissenheit, seinem Drogenkonsum und möglichen schizophrenen Episoden in Verbindung gebracht, die sich in Alpträumen, Halluzinationen und einer verzerrten Wahrnehmung der Realität zeigten.
Seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, insbesondere die Pflege Verwundeter unter extremen Bedingungen, führten zu einem psychischen Zusammenbruch. Während seines Aufenthalts in der psychiatrischen Abteilung eines Militärkrankenhauses in Krakau, nach einem Nervenzusammenbruch an der Front des Ersten Weltkriegs, wurde er mit "Dementia praecox" (dem damaligen Begriff für Schizophrenie) diagnostiziert.
Viele Experten sind heute der Meinung, dass seine Symptome und sein Verhalten besser zu anderen Erkrankungen passen, wie z.B. schweren Depressionen oder einer bipolaren Störung. Einige schlagen sogar Asperger-Syndrom vor, basierend auf Berichten über seine Schwierigkeiten mit sozialen Interaktionen und emotionaler Distanz.
Biographie
Georg Trakl wurde 1887 als Sohn des Eisenhändlers Tobias Trakl und dessen Frau Maria Catharina Trakl geboren. Als fünftes von sieben Kindern verbrachte er seine Jugend in Salzburg und wurde dabei von der Hauslehrerin aufgezogen, als Ersatz für die drogensüchtige Mutter.
Eine Sonderstellung unter den Geschwistern nimmt seine Schwester Margarethe (kurz: Grethe) ein, mit der er in einer inzestuösen Beziehung stand. Trakl sah in ihr das weibliche Pendant zu sich selbst.
Zwischen 1897 und 1905 besuchte er das Stadtgymnasium in Salzburg, das er aufgrund mangelnder Leistung ohne Abschluss verließ, um daraufhin eine dreijährige Ausbildung zum Apotheker zu beginnen. Während seiner Lehre gelangte er problemlos an Rauschmittel, mit denen er schon während seiner erfolglosen Schulzeit experimentierte.
Psychisch war sein Zustand, bedingt durch den Drogenkonsum, die unbeständige Beziehung zu seiner Schwester Margarethe, sowie die in Geldnot begründete Existenzangst, schon seit seiner Kindheit äußerst instabil.
Als 1913 mit "Der jüngste Tag" der erste Gedichtband erschien, erreichte der Dichter Georg Trakl seine kreativste sowie (zu Lebzeiten) populärste Periode.
Im August 1914 meldete er sich als Freiwilliger Sanitäter für den Ersten Weltkrieg und wurde daraufhin an die Ostfront nach Galizien versetzt. Trakl erlebte den Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Russland unmittelbar mit und hatte als Sanitätsoffizier zeitweise ca. 100 Menschen alleine zu versorgen.
Infolgedessen erlitt er einen Nervenzusammenbruch, der ihn selbst zum Kriegsopfer machte. Im Krakauer Militärlazarett schrieb Trakl mit Grodek sein wohl populärstes Gedicht, bevor er am 3. November 1914 infolge einer Überdosis Kokain starb. Es ist ein Gedicht, das die Erinnerung an die Schlacht von Gródek (1914) in Ostgalizien (heutige Ukraine) wachhält.
ZitatAlles anzeigenGrodek.
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.
Georg Trakl und Schizophrenie
Die Krankheit Trakls nahm ihren Anfang vermutlich in der Beziehung zu seiner Mutter. Diese sorgte zwar gut für die Kinder, doch sie weigerte sich, diese zu stillen (mit Ausnahme von Grete), war kühl, zog sich oft tagelang zurück und strahlte keine mütterlich Wärme aus. Die größte Rolle jedoch spielten Schuldgefühle. Entstanden durch Trakls Drogensucht, durch die er fast völlig verarmte sowie ständig bei Verwandten und Freunden Geld ausborgen musste.
Außerdem durch das inzestuöse Verhältnis zu seiner Schwester Grete, dem man bei der Entstehung und Entwicklung von Trakls Schizophrenie die größte Bedeutung zumessen muss.
Außerdem litt er ständig unter der Angst, dass dieses Verhältnis entdeckt werden könnte. Das alles verstärkt die Schuldgefühle, und als er seine Schwester (die bis in ihre unglückliche Ehe hinein Trakls Geliebte war) 1914 in Berlin besuchte, da diese nach der Fehlgeburt eines vermutlich gemeinsamen Kindes an starkem Blutverlust litt und in Lebensgefahr schwebte, stürzte ihn dies in eine tiefe seelische Krise.
In Zusammenhang mit Grete stehen vermutlich auch Trakls Angstzustände, da er Angst hatte, seine Triebe, die teils auch sehr aggressiv waren, könnten entdeckt werden und er müsse die für ihn gefährlichen Konsequenzen tragen.
Trakls Krankheit äußerte sich schon in frühester Kindheit.
Er zeigte ein übertriebenes Verlangen nach Süßigkeiten, das so stark ausgeprägt war, dass er sich bei Verweigerung das Leben nehmen wollte, später wichen die Süßigkeiten Alkohol und Zigaretten. Das alles weist nach der Lehre Freuds auf eine orale Befriedigungstendenz hin, deren Ursachen fehlende Mutterliebe und fehlendes Geborgen sein waren.
Um diese zu ersetzen, suchte er schon früh nach Mutterfiguren, die er zuerst in seiner Gouvernante und später in den ältesten Kellnerinnen und Prostituierten fand, die für ihn die „Erniedrigten und Beleidigten“ darstellten.
Trakl wurde als introvertiertes, scheues, aber auch fröhliches und wildes Kind beschrieben, was auf die ersten plötzlichen Gefühlswechsel, die schon in seiner Kindheit häufig auftraten, hinweist. Er wälzte sich z. B. aus wildem Trotz am Boden, warf das Essen mitsamt Teller und Besteck aus dem Fenster, wenn es ihm nicht schmeckte, war andererseits folgsam und ruhig.
Er zeigte einen sprunghaften Stimmungswechsel und hatte ein wenig an der Außenwelt orientiertes Erleben, meist traten seine Gefühlsregungen komplett unangepasst auf. Er mied Restaurants aus Furcht vor den Kellnern, das Fahren wegen Beklemmung durch die Mitfahrenden, im Zug stand er immer am Gang um nicht mit jemandem in einem Abteil sitzen zu müssen und auch der Anblick einer kahlen Wand oder das Begegnen mit einem Menschen im Wald lösten plötzliche Angstzustände aus.
Lebensereignisse mit psychotischen Tendenzen
Sein Horror vor raschen Bewegungen zeigt sich besonders deutlich in 2 der 3 Ereignisse in seiner Kindheit.
- Einmal stellte er sich einem galoppierenden Pferd entgegen, um es aufzuhalten
- Ein anderes Mal stellte er einen Fuß auf die Bahngeleise, da er einen herannahenden Zug stoppen wollte.
- Das 3. Ereignis (Trakl ging ganz bewusst in einen See und ließ sich versinken) weist eher auf seine Selbstzerstörungs- und Bestrafungstendenz hin, die auch in seiner Drogensucht und seinem schon sehr frühem Schwärmen von Selbstmord und Äthertod zum Ausdruck kam.
Später kam es vorübergehend zu einer Aufhellung seiner Stimmung, doch wurde diese bald zunehmend depressiver, düsterer und unausgeglichener und man gewann den Eindruck, dass ein zerstörender Prozess allmählich die festen Konturen seiner Gestalt zu verwischen begann.
Langsam begann auch Trakl selbst seine Selbstentfremdung und die gestörte Gleichmäßigkeit zwischen seinem Ich und der äußeren Welt zu bemerken, denn neben seiner Angst vor dem Tod bildete sich auch eine Angst vor dem Irrsinnig werden heraus.
Weiter hatte Trakl des öfteren illusionäre Wahnideen, behauptete z.B. von einem Kardinal abzustimmen und dass aus ihm eine berühmte Persönlichkeit werden würde, litt unter akustischen Halluzinationen (er hörte öfters Glocken läuten) und unter den schon in seiner Kindheit oft aufgetretenen optischen Halluzinationen (er konnte fest davon überzeugt sein, dass ein Mann mit gezücktem Messer hinter ihm stünde).
In seinen Werken spiegelt sich Trakls chaotischer Seelenzustand wider. Manchmal erscheinen die „rauschhaften, ambivalent getönten, exzessiven Bilder“ wie ein „Wortsalat“ und komplett sinnlos. Sie zeigen Trakls innere Zerrissenheit, die Ambitendenz des Schizophrenen und seine Sicht der Welt, besonders das inzestuöse Verhältnis mit seiner Schwester und die Beziehung zu seiner Mutter. (Die Gedichte „Blutschande“, „Offenbarung und Untergang“ und „Traum und Umnachtung“ weisen besonders stark darauf hin.)
Kommentare 3