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EXPERTEN IM GESPRÄCH |
„Der Großteil der Forschung ist in Wirklichkeit ein Marketinginstrument und nicht die Entwicklung wunderbarer neuer Medikamente" Dr. Allen Frances
Die Pharmaindustrie bietet seit Jahrzehnten bei der Behandlung von Schizophrenie nichts Neues. Circa eine Milliarde Euro wären nötig, um ein psychiatrisches Medikament gegen Psychosen oder Depression zu entwickeln. Das letzte große Versprechen für neue und bessere Medikamente dieser Art hieß „atypische Antipsychotika“ und stammt aus den 1990er Jahren. „Atypisch“, weil sie bessere Wirkungen und weniger Nebenwirkungen haben sollten als die so genannten „typischen Antipsychotika“, die seit den 1950er Jahren verschrieben wurden.
„Große Unternehmer haben sich komplett aus dem Bereich zurückgezogen, haben ihre Forschung eingestellt, weil es nicht mehr lukrativ ist ... Die Pharmaindustrie ist an Gewinn interessiert, ist ihren Aktionären verpflichtet, und wenn daraus, aus der Forschung nichts rauskommt, dann stellt man das ein. Und das ist in den letzten zehn Jahren geschehen. Es gibt noch eine umfangreichere Forschung bei den neurogenerativen Erkrankungen, Stichwort Alzheimerdemenz, aber wenn es so um die großen klassischen Krankheiten geht wie Schizophrenie oder Depression, da findet nur noch sehr wenig statt und da muss man ganz klar von einer Krise der Psychopharmakologie sprechen.“ Prof. Gerhard Gründer (Psychiater)
„Die Pharmaindustrie gibt etwa 80 Milliarden Dollar in den USA pro Jahr für Marketing und Lobbying aus, sie geben viel weniger für die Forschung aus, und der Großteil der Forschung, die sie betreiben, ist in Wirklichkeit ein Marketinginstrument und nicht die Entwicklung wunderbarer neuer Produkte.
Sie sind äußerst kompetent und einflussreich geworden Ärtze und die breite Öffentlichkeit zu dem Glauben zu bewegen, dass es für jedes Problem eine Pillenlösung gibt, das psychische Störungen unterdiagnostiziert werden und leicht aufgrund eines chemischen Ungleichgewichts zu diagnostizieren sind und eine chemische Lösung erfordert.
Die Pharmaunternehmen haben tausende von Vertretern, die versuchen, Ärzte davon zu überzeugen, ihre Medikamente zu verwenden und es gibt sehr wenig Regulierungen. Sie haben einen enormen Einfluss auf Ärzte, das sie Patienten davon zu überzeugen sollen, das sie Pillen brauchen, die sie eigentlich nicht brauchen.
Es ist ziemlich gut belegt, dass etwa 85 % der medizinischen Forschungsliteratur völlig falsch ist. Nur ein Teil davon ist auf technische Faktoren zurückzuführen und die Art und Weise, wie die Studien durchgeführt wurden, ein Großteil davon ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Pharma die Forschung unverhältnismäßig beeinflusst und nur über positive Studien berichtet, während sie ihr Bestes tut, sehr negative Studien zu vertuschen und keine unerwünschten Ereignisse zu berichten, so dass die Ärzte viel zu stark von der pharmazeutischen Macht beeinflusst werden, die die Forschung kontrolliert und sie sind sehr aggressiv und überzeugend im Marketing.
Psychotherapie ist für die meisten mittelschweren psychiatrischen Probleme genauso effektiv und sogar nachhaltiger als Medikamente, aber das ist in der Öffentlichkeit unbekannt. Psychotherapeuten haben kein Milliardenbudget, um im Fernsehen für die Werte der Psychotherapie zu werben“ Allen Frances, M.D. (Psychiater)
Allen James Frances ist ein US-amerikanischer Psychiater. Er warnt davor, dass die Erweiterung der psychiatrischen Grenzen eine Inflation an psychiatrischen Diagnosen verursachen wird, die zu einer Übertherapie der „eingebildeten Kranken“ führt, wodurch die Psychiatrie nur vom eigentlichen Zweck, nämlich der Behandlung der psychisch schwer Kranken abgelenkt wird. Gegen das Erscheinen des Handbuchs (Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen (DSM-IV) für Ärzte) initiierte er eine Petition, weil er befürchtete, dass das neue Standardwerk zur Hyperinflation psychischer Krankheiten führen würde, besonders bei Kindern und Jugendlichen.