10. 6. 2021: Im Wartezimmer

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Heute war ich beim Zahnarzt. Der Termin war um 10:00 Uhr, aber ich mußte bis viertel vor Elf warten. Ich weiß nicht, was bei anderen Leuten im Kopf vorgeht, wenn sie so lange warten müssen, aber bei mir ging es richtig los. Ich mußte mir dann vorstellen, während ich im Warteraum sitze, passieren in der Firma irgendwelche Katastrophen a la Brand im Serverraum. Ich stelle mir dann vor, daß ich, wenn ich vom Arzt zurückkomme, vom einem wütenden Chef und einer Meute Kollegen empfangen werde, die mich mit Vorwürfen überhäufen. Daß es zu einer lautstarken Auseinandersetzung kommt, daß ich zum Schluß fristlos kündige.

Diese Vorstellung ist völlig unrealistisch, mein Chef ist ein sehr vernünftiger Mensch, der nie laut wird, und meine Kollegen sind alle ganz in Ordnung. Vorwürfe wegen einem Termin beim Arzt habe ich noch nie gehört. Aber die Vorstellung ist da, und sie dreht sich in meinem Kopf wie eine Bandschleife, oder ein Video, das permanent wiederholt wird. Vor allem emotionell gehe ich da voll mit, bis ich innerlich koche vor Wut - nicht über den Arzt, der mich warten läßt, sondern über Leute, die garnicht anwesend sind und auch nichts gesagt haben - außer in meiner Vorstellung.

Dabei merkt man mir äußerlich nichts an - zumindest vermute ich das mal. Ich mache in solchen Situationen das, was der Asmus Finzen mal "doppelte Buchführung" genannt hat, Innen- und Außenleben fallen komplett auseinander. Während ich äußerlich ruhig auf dem Stuhl im Wartebereich sitze, tobt innen drin ein Sturm. Zum Schluß bin ich seelisch so geschlaucht, daß ich kaum noch denken kann.

Ist das jetzt noch normal, oder ist das schon psychotisch? Ich wäre gerne mal im Kopf von jemandem anwesend, der nachweislich nicht schizophren ist, nur um mal den Vergleich zu haben.


Nach einer halben Stunde Schmoren im eigenen Saft werde ich dann aufgerufen. Der Arzt ist sehr nett und entschuldigt sich auch. Bei mir kehrt sofort Ruhe ein. Streß, Aufregung, alles fällt von mir ab, und ich fühle mich entspannt. Kontakt zu anderen Menschen tut mir gut, ich sollte mehr davon haben.

"Warum weinst du? Es tut mir sehr leid, ich weiß nicht, was ich in einem solchen Moment tun oder fühlen soll." - "Warum versuchst du nicht, einfach zu lächeln?"

(Rei Aynami - Shinji Ikari, Neon Genesis Evangelion)

Kommentare 1

  • Lieber Jestocost,

    ich kenne solche negativen Gedankenspiralen bei bevorstehenden Ereignissen, die mir neu sind. Bei denen mein "Wert" auf die Probe gestellt wird oder ich etwas mir wichtiges verlieren könnte. Es scheint mir, dass es eine Möglichkeit ist, mich für die Situation zu wappnen und gut vorbereitet zu sein. Oft werde ich dann davon überrascht, dass alles ganz leicht ging.

    (Eine kleine Probe aus dem Kopf einer nachweislich Nichtschizophrenen. ;) )

    Herzliche Grüße

    Elfriede

    Danke 1